Ein Fußballkrimi mit Pauken und Trompeten von Steffen Mensching und Michael Kliefert (Uraufführung)
Premiere am 26. Mai 2012, Großes Haus
Jeder echte Fußballspieler weiß: Die Sache hat nur bedingt mit den Füßen zu tun. Der Kopf ist mindestens ebenso wichtig. Mangelnde Motivation kann Champions vernichten, die richtige Einstellung bewirkt Wunder. Und genau das geschieht in diesem Stück. Die Amateurkicker von »Motor Eppelstädt« wachsen eines Tages über sich selbst hinaus. Die Elf beginnt im Pokalwettbewerb als absoluter Außenseiter und schlägt dann jeden Gegner vom Feld. Plötzlich sind die jungen Wilden in aller Munde, die Medien reißen sich um sie, das Stadion hat nicht mehr genug Plätze. Und mit dem Klub kommt der Aufschwung in die Provinz. Aber wie lange hält die Glückssträhne? Können die neuen Helden den Höhenflug verkraften? Und was geschieht, wenn die Seifenblase platzt?
Das Stück von Steffen Mensching und Michael Kliefert, treffsicher zur Fußball- EM 2012 platziert, wird eine schweißtreibende Angelegenheit und ein Riesenspaß. Erfahrungen aus dem Alltag der Leistungsgesellschaft finden dort genauso ihren Platz wie die Begeisterung für das Spiel aller Spiele. Immerhin ist Fußball eines der letzten Themen, das alle Schichten unserer Gesellschaft vereint. Also: Der Ball ist rund und nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
"Der Aufstieg der Amateure": Fußball-Ballett am Theater Rudolstadt
Thüringer Landeszeitung, 29.05.2012
Steffen Mensching, Autor und Rudolstädter Intendant, hat gemeinsam mit Michael Kliefert in Der Aufstieg der Amateure den Höhenflug eines Kleinstadtfußballclubs mit Pauken und Trompeten vorgeführt. Wer dahinter - auch - ein Kleinstadttheater assoziiert, wird kaum fehlgehen. Von Matthias Biskupek
Rudolstadt. "Er steigt und schwebt und gleitet wie gewohnt: / dort fliegt er, oben, schöner als der Mond." So besang der gebürtige Saalfelder Ror Wolf den Fußball in seiner Endspiel-Stanze zu Borussia Dortmund gegen 1. FC Köln (1963). Pionier-Dichtung eines demnächst 80-Jährigen, als das plebejische Fußballspiel noch kein Gegenstand für höhere Lyrik sein durfte. Schon Brechts Boxsportliebe war Sakrileg. Es dauerte, bevor Eleganz und poetische Brisanz von Sätzen wie "Der Ball wird immer länger" oder "Er kam aus der Tiefe des Raumes" erkannt wurden.
Die "Ror-Wolf-Stadt Saalfeld" (bislang als Logo noch nicht "Schillers heimliche Geliebte" ebenbürtig) ist zweites Stand-, vielleicht auch Spielbein des Theaters Rudolstadt, das soeben ein Fußballstück auf seine Bretter brachte. Intendant und Autor Steffen Mensching ruft einen zweiten Jubilar dieser Tage in Erinnerung: Johann Nestroy, vor hundertfünfzig Jahren verstorben, Sänger, Gaukler, Theaterleiter und erfolgreicher Stückeschreiber, den das Volk liebte - und anfeindete. Mensching, derzeit beliebt, hat gemeinsam mit Michael Kliefert in "Der Aufstieg der Amateure" den Höhenflug eines Kleinstadtfußballclubs "mit Pauken und Trompeten" vorgeführt. Wer dahinter - auch - ein Kleinstadttheater assoziiert, wird kaum fehlgehen.
Sportreportage und Theaterkritik sind im deutschen Pressewesen meist streng getrennt. Wir wagen den Versuch einer Sportkritik resp. Theaterreportage: Beim Anpfiff zur ersten Halbzeit sind die Massen auf den überfüllten Traversen den 22 Akteuren auf der Bühne zahlenmäßig weit überlegen. Doch auch Fußball-Altstars wie Peter Ducke, Harald Irmscher oder Bernd Stange in der Zuschauermannschaft müssen sich den blitzschnellen Spielzügen und gelegentlich in Zeitlupe vorgeführten dramatischen Momenten beugen: Sie lachen und klatschen, singen allerdings nicht mit, wenn die Fans von Motor Eppelstädt anstimmen: "Motor, Motor, Du musst laufen, alle schlucken, nur wir saufen!"
In der Publikumsmannschaft gibt es ganz offenbar auch Neulinge der Zuschaukunst. So hört der berichtende Reporter hinter sich immer mal wieder Fachsimpelei. "Das gibtn Elfer!", wird wie vorm Fernseher lautstark kommentiert. Auch Begriffsklärungen "Ist das nun ein Drama?" - "Im Programmheft steht ,Fußballkrimi'!" könnten irgendwann die Zuschaukunst in eine höhere Klasse aufsteigen lassen.
Kleinstadt-FC im Höhenflug
In der Mannschaft der Theaterprofis gibt es derweil wunderschöne Soli zu hören und zu sehen. Wenn Manager Willi Winkler (Manndeckung: Markus Seidensticker) in brusttönendem Rheinisch die Geschäfts-Unordnung beklagt, Trainer Senkbeil (Manndeckung: Hans Burkia) alles hinschmeißen will und vor allem Ditti Dettmann (Manndeckung: Benjamin Griebel) des Leben eines Ersatz-Mannes zum Drama (sic!) werden lässt.
Frauenfußball erfreut sich noch immer nicht allgemeiner Wertschätzung. Dennoch gibt es einen bajuwarischen Fußballlehrling Karla, eine Jessica, die so ist, wie alle Jessicas der Welt, eine eifersüchtige Ehefrau und eine Russin, die in bestem Hochdeutsch die Abseitsregel erklären kann. Den Begriff "Manndeckung" unterlassen wir aus Gründen für die Damen Carola Sigg, Laura Göttner, Ute Schmidt und Anna Oussankina. Beim Kommentator des Maximilian Claus blitzt ein wenig von jener politisch-kabarettistischen Anspiel-Freude auf, von der die Mannschaft mehr hätte bieten dürfen. Das Beste aber, was diese Truppe auf dem von Platzwart Alexander Martynow als Kneipe hergerichteten Spielfeld auszeichnet, sind mannschaftliche Aktionen. Der Übergang von tändelnder Einzelarbeit zu kraftvollen Gesängen gelingt nahezu traumhaft. Cheftrainer Herbert Olschok, dem Team von anderen Rudolstädter Theatersiegen bekannt - wir erinnern an "Zwei Krawatten" und "Eine Familie" - verknüpft Spielzüge und schafft in der Tiefe des Raumes ein wahres Fußball-Ballett. Das wird von einem Flitzer, einem um Aufmerksamkeit buhlenden, deshalb sich nackig machenden Geschäftsmann, im Wortsinn durchkreuzt.
Meist im Seiten-Aus platziert, aber immer hörbar, ist die Kleinfeldgruppe "Schnaftl Ufftschik", die mit ihren Tuten und Bläsern an-, auf- und hochreißt und Jubelchöre provoziert: "We are the champions. - Motor, Du bist unsre Wahl, /siegen, kriegen den Pokal." Die Zuschauermannschaft anerkennt durch geschlossene, rhythmische, lang anhaltende Handbewegungen ihre Rührung.
Umjubelte Uraufführung von Rudolstädter Fußballkomödie
Ostthüringer Zeitung, 29.05.2012
Das pointenreiche Stück Der Aufstieg der Amateure bietet Spannung wie ein echtes Spiel. Das Rudolstädter Ensemble überzeugt mit einer soliden Mannschaftsleistung, die auch ihre genialen Soli hat. Von Ulrike Merkel
Der Traum ist zerstört: Nur noch wenige Minuten sind zu spielen. Und der Amateurfußballklub Motor Eppelstädt liegt mit 1:3 hoffnungslos zurück im Halbfinale des DFB-Pokals. Gegen den übermächtigen Bundes Liga-Verein Hoffenheim haben die thüringischen Freizeitkicker aus der sechsten Liga keine Chance.
Mit der Niederlage werden nun leider auch die Pläne vom eigenen Stadion zunichte gemacht. Der erst vorgestellte Großsponsor - passend zum Ortsname Eppelstädt hat sich ein Computerkonzern mit Apfellogo angeboten - wird ebenfalls wieder abspringen. Und die Ehe von Spielerstar Atze Springer (Johannes Arpe) ist sowieso am Ende.
Die Rudolstädter Fußballkomödie "Der Aufstieg der Amateure", die am Sonnabend eine umjubelte Uraufführung erlebte, schickt ihre Figuren, Spieler, Fans und Management, gleichermaßen in tränenreiche Fußballdepression. Doch dem Vorbild der klassischen Komödie folgend, wendet schließlich doch noch ein Held das Schicksal: Ditti Dettmann (Benjamin Griebel), der treudoof lispelnde Loser. Mit einer unfassbaren Aufholjagd lässt er das Wunder von Eppelstädt wahr werden. Während das torreiche Finale eine geradezu filmische Spannung entfaltet, findet der "Fußballkrimi" von Intendant Steffen Mensching und Co-Autor Michael Kliefert zu Beginn nur langsam in Spiel. Kurz blitzen gar Zweifel auf, ob die angedeuteten Konflikte das Stück wirklich werden tragen können, ob nicht letztlich die Klischees über den Humor siegen. So wirkt etwa die Geschichte der frustrierten Spielerfrau (Ute Schmidt), die ihrem Gatten Atze Springer eine Affäre mit einer hübschen Russin (Anna Oussakina) unterstellt, zunächst etwas aufdringlich. Doch wie das Autorenteam schließlich die beiden Rivalinnen zu einträchtiger Harmonie führt, ist hintersinnig und angenehm überraschend. Überhaupt nimmt sich die pointenreiche Textvorlage so ziemlich jeden erdenklichen Fußballthemas an: der überhebliche Star wird ebenso zitiert wie die Niete auf der Bank, die Angst des Schiris vor der Fanrache ebenso wie die überdimensionierten Sportarenen in Provinznestern. Und natürlich werden die typischen Fangesänge angestimmt: "Motor, Motor, du musst laufen, alle schlucken, nur wir saufen..."
Während die Eppelstädter Anhänger in der versifften Sportbar von Kneiper Anrichte (Matthias Winde) immer wieder diese Hymne grölen, wird das Spiel im Bühnenhintergrund (Ausstattung: Alexander Martynow) ausgetragen. Die spielentscheidenden Momente inszeniert Regisseur Herbert Olschok in Zeitlupe und perfekt getimter Slapstick. Die Treffer ob Eigentor, Kopfball oder Elfmeter werden auf den Ton genau von "Schnaftl Ufftschik", der Spaßkapelle des Abends , begleitet.
Letztlich ist es die Leidenschaft des gesamten Rudolstädter Teams, die diese Uraufführung zu einem großen Spaß, einem Stück bester Theaterunterhaltung, werden lässt. Eine Leidenschaft, die einige Darsteller zu wahrlich brillanten Soli animiert: Jede Szene von Benjamin Griebel als Memme Dettmann ist ein humoristischer Genuss. Ebenso treffsicher: Maximilian Claus Parodie eines rumänischen Haudegens und Markus Seidenstickers Panik als Manager.
"Einfach großartig", schwärmen nach dem minutenlangen Applaus auch die ehemaligen Fußballstars aus Jena. Zum Torwandschießen auf den Theatervorplatz eingeladen, kann sich Ex-Trainer Bernd Stange mit zwei Treffern gegen Harald Irmscher und Peter Ducke durchsetzen. Ein spannender Fußballabend bis zuletzt!