Premiere am 25. September 2010 | Schminkkasten
Donald Churchill hat eine stimmungsvolle Komödie mit zwei wunderbaren Rollen für ein Schauspielerpaar geschrieben, die zeigt, dass die erste große Liebe nicht immer ein Irrtum ist und dass aus einem Aschehaufen Flammen lodern können, wenn man den Mut hat, sich noch einmal die Finger zu verbrennen.
Spieldauer: 2h
Schwäche gezeigt?
Neue Nordhäuser Zeitung, 08.01.2011
ZUR PREMIERE im Theater Nordhausen Von Olaf Schulze
Warum die erwartungsfrohen Zuschauer gestern Abend beim Gastspiel des Rudolstädter Schauspielensembles im Stadttheater einen „Augenblick der Schwäche“ sahen und sich trotzdem daran begeisterten, das weiß unser Rezensent Olaf Schulze zu berichten.
Da sitzen sie nun auf den gepackten Umzugskartons und den Trümmern einer zwei Jahrzehnte währenden Ehe. Sie trinken ganz friedlich Kaffee. Audrey und Tony bereiten ihr Landhaus zum Verkauf vor und teilen die Habseligkeiten. Natürlich werden dabei die alten Gräben wieder aufgerissen, wird genussvoll in den Schwächen des Ex herumgepult wie in einer offenen Wunde, wird beleidigt, verdächtigt und beschuldigt. Dabei ist das einstige Paar krampfhaft bemüht, die Fassade eines jetzt doch ach so glücklichen Lebens aufrecht zu erhalten.
So ein Stück kann nur schreiben, wer es selbst erlebt hat oder aber ein verdammt guter Beobachter ist. Der Brite Donald Churchill tat das im Jahre 2003 und das Rudolstädter Theater brachte „Augenblick der Schwäche“ zur deutschen Erstaufführung. Das Stück ist so gut, dass es nur noch zweier Vollblutmimen bedarf, um einen schönen Bühnenerfolg zu erzielen.
Und die haben die Rudolstädter mit Hans Burkia als freischaffendem Kameramann Tony und einer überragenden Ute Schmidt als seine Frau Audrey. Die beiden sind in ihren Rollen so brillant, dass wir im Zuschauerraum schnell vergessen, „nur“ einer Theateraufführung beizuwohnen und lustvolle Voyeure werden. Da stimmt jede Geste, jeder Blick, jedes angespannte tiefe Einatmen, jedes halbherzige Zurücknehmen der eben geführten Attacke und – es sitzt jede Pointe.
Einfach großartig wie die Schmidt ein Diktiergerät abhören will, die Bedienknöpfe nicht erkennt, den Arm mit dem corpus delicti so weit von sich streckt, wie es ihr nur möglich ist, um dann letztendlich doch frustriert in den Tiefen ihrer Handtasche nach der Lesebrille zu graben.
In kleinen Schritten seziert Churchill die aufgesetzten Masken seiner Helden und schält die zur Schau getragene Zufriedenheit wie die Häute einer Zwiebel herunter. Immer neue Facetten treten zu Tage und am Ende nimmt die Geschichte der beiden Unentschlossenen dann doch eine der zwei möglichen Wendungen. Befördert wird das durch den Auftritt der gemeinsamen erwachsenen Tochter Lucy (Ewa Rataj).
Aber mein Gott! Wer hat die arme junge Frau angezogen? Wie kann sie mit ihrer Mutter über das Kleid streiten, das sie zur bevorstehenden Hochzeit tragen wird und dabei diese lila Kniestrumpfungeheuer tragen? Ich gebe zu, es hat mich einige Repliken der Dialoge gekostet, bis ich mich an den scheußlichen Anblick gewöhnt hatte und mich beschäftigte die Frage, ob die Handlung nicht doch in den USA spielt.
Das Nordhäuser Publikum dankte gestern Abend geschlossen und mit langem, freundlichen Applaus für zwei Stunden kurzweiliges Theaterspiel auf hohem Niveau. Scheinbar gefällt das Stück also nicht nur der immer größer werdenden Gruppe vom gleichen Schicksal Betroffener wie Audrey und Tony.
Bosheiten und Geständnisse
Thüringische Landeszeitung, 29.09.2010
Im „Schminkkasten“ holpert es heftig Von Matthias Biskupek
Es muss wohl mit der Institution der Ehe zu Inszenierung tun haben, dass sie im Theater so oft herbeigeholt wird, wenn es um Katastrophe und Höllenschmerz, um Selbsttäuschung und grandioses Scheitern geht. Der Brite Donald Churchill (1930-1991) führt mit seiner Komödie „Augenblick der Schwäche“ all das in einem Landhaus vor. Ein geschiedenes Ehepaar will es verkaufen, weshalb man sich zur Gütertrennung trifft. Dass just dies in einem Moment geschieht, da beide einstigen Partner vor entscheidenden Lebensweg Änderungen stehen – der Mann Tony wird Vater, die Frau Audrey heiratet emeut – das ist der Plot jener schwarzen Begegnung voller Erinnerungen, Beschimpfungen, Liebesgeständnisse.
Die deutsche Erstaufführung in der Übersetzung von Peter Wiese fand auf der delbrettbühne des Klubtheaters Schminkkasten statt. Dort hinein zwängten Regisseurin Monica Querndt und Bühnenbildnerin Andrea Eisensee die Möbel, um die es vordergründig geht: Schränke und Tisch Sessel und Sofa. Trockenblumenstrause zeigen überdeutlich: Hier lebt schon lange nichts mehr. Mit Ute Schmidt und Hans Burkia stehen, liegen, schreiten und toben zwei Schauspieler auf der Bühne die oft genug zeigen, dass sie die Technik von Textmengenausschüttung verstehen; zwei wahrlich kräftige Darsteller, die wissen; dass Pausen Bosheiten verstärken können und Pointen gesetzt werden müssen. Beste Voraussetzung für einen vergnüglichen, unterhaltsamen Theaterabend.
Der jedoch – und das ist das traurige Geheimnis dieser Inszenierung – fand zumindest zur Premiere nicht statt. Der Rezensent wusste gelegentlich nicht, ob Pausen gewollt waren, oder nur Texthänger. Beispiel: Das alte Kinderbett soll für das neue Kind Tonys – das allerdings gar nicht von ihm stammt – wieder aufgebaut werden. Tony, der Künstler, hat zwei linke Hände, und Audrey zeigt ihm, wo der Hammer hängt und die Schraube locker ist.
Das konnte ein Karl-Valentinscher Kampf mit den Tücken des Objekts werden, eine Belehrung mit tieferer Bedeutung. Hier aber verlappert der Doppelsinn, schwarzer Humor wird zur grauen Beliebigkeit. Als die Tochter (Ewa Ratay) auftaucht, die fleißig intrigiert - nur das Beste für Mama und Papa wollend – kommt für einen Moment jene Hintergründigkeit auf, jener Abgrund von Bosheit gemischt mit Melancholie und tiefer Sehnsucht nach Liebe, der diesem Stück vielleicht innewohnt Doch wenn Audrey das Kleid ihrer Tochter abstoßend findet, fragt sich der Betrachter warum er das nicht sehen kann in all der biederen Kostümierung.
Das Motto dieser Spielzeit heißt nach Schiller, dass man noch einige Sprünge in dieser holperichten Welt machen will, von denen man erzählen soll. Wir brechen die Erzählung hier besser ab. Da ist zu vieles zu holpericht inszeniert. Doch der Rezensent mutmaßt optimistisch, dass. dies nur ein Augenblick der Schwäche bleiben wird, vor dem nächsten Sprung auf die Höhen der Theaterkultur.