Stück von Charles Lewinsky mit Musik von Franz Lehár u. a.
Premiere am 30. April 2011 | Großes Haus
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky gründet das Stück auf historische Fakten. Seine Farce über das abgründigste Kapitel deutscher Geschichte steht in der besten Tradition jüdischer Erzählkunst. Geschliffene Dialoge, tiefschwarzer Humor, überraschende Wendungen. Bitter gewürzt wird der Theaterabend durch unsterbliche Operettenmelodien.
Mit Geist im Kopf und Wut im Bauch
Ostthüringer Zeitung, 02.05.2011
Premiere für "Freunde, das Leben ist lebenswert" in Rudolstadt. von Angelika Bohn
Mit dem Charles-Lewinsky-Stück über das tragische Schicksal dreier jüdischer Künstler in der NS-Zeit zeigt Rudolstadt die spannendste Inszenierung der Thüringer Theatersaison.
Schon zu Beginn, wenn Jürgen Mutze, der Tenor, wie der ewige Jopi vorm Glitzervorhang Löhner-Bedas unsterbliche Lieder zelebriert, kommt kein Frohsinn auf. Die Welt steht am Abgrund und dazu schluchzen die Geigen.
In "Freunde, das Leben ist lebenswert" erzählt Charles Lewinsky die Geschichte von Fritz Löhner-Beda, dessen Texte Lehárs Operetten und unzählige Schnulzen und Schlager zu Evergreens machten. Die auch gesungen wurden, als dem Erfolgsverwöhnten 1938 im KZ Buchenwald eingeprügelt wird, "Scheiß Jud" sei nun sein Name. Im KZ trifft er seine Freunde wieder. Mit dem Komponisten Leopoldi und dem Kabarettisten Grünbaum hatte er 1934 in Wien seinen größten Erfolg gefeiert und sich über seinen Elogen auf Hitler dichtenden Chauffeur Prohaska (Rayk Gaida) amüsiert.
Spielen lässt Alexander Stillmark (Regie) die drei Künstler von Frauen (Charlotte Ronas, Simone Cohn-Vossen und Verena Blankenburg). Das wirkt zu Beginn mit Schaumstoffbäuchlein, Frack und leisen Sohlen wie eine Intellektuellen-Karikatur. Überhaupt arbeiten Inszenierung und Ausstattung (Volker Pfüller) durchgängig mit den Mitteln des Comics. Die SS-Männer sind Prototypen: ein einfältiger Schöngeist (Rayk Gaida), ein sentimentaler Idiot (Benjamin Griebel) und ein brutaler Muskelmann (Johannes Arpe).
Auch die Dialoge sind, fast immer, witzig, pointiert und treffen, immer, auf den Punkt. Auch wenn von Entwürdigung, Entsetzen, Schlägen, Hunger, dem Verlust der Hoffnung die Rede ist. Vor allem aber manifestiert sich dieser Prozess optisch. Die Körper der Häftlinge scheinen sich aufzulösen. Sie werden zerbrechlicher, schwächer, durchsichtig. Verkrampfte Schultern hier, ein Hinken da. Am Ende "rollt" Ronas mit letzter Kraft einen Würfel und zwei IG-Farben-Prüfer mit Plastik-Überziehern an den Füßen wie Heizungsableser wünschen sich in der Diktion heutiger Manager eine effizientere Arbeitskraf.
Es dauert eine Ewigkeit am Sonnabend zur Premiere, bis sich ganz hinten die ersten Hände rühren. Dann großer Jubel für Schauspieler, Orchester und Inszenierungsteam. So viel Geist im Hirn und soviel Wut im Bauch ist auf Thüringer Bühnen nur in Rudolstadt zu sehen.
Triumph des Witzes
Freies Wort, 02.05.2011
Letzte Szene. Ein schwerer Hammer, von kräftigen Muskeln empor geschwungen. Und dann – geht das Licht aus. Tot ist er. Der Fritz Löhner-Beda. Niemand sieht es. Jeder weiß es. Stille. Eine halbe Minute lang. Bis jemand zaghaftden Applaus beginnt. Von Peter Lauterbach
Er würgt und würgt und würgt. Der Kloß im Hals. Zack! Nur den Bruchteil einer Sekunde kostet es, ein Leben auszulöschen. Dabei war diese Szene gar nicht zu sehen. Ganz allein im Kopf ist sie abgelaufen. Die letzte. Die entscheidende. Die brutalste. Die anrührendste der ganzen Inszenierung. Das Theater musste nur das Licht ausknipsen. Zack! Und plötzlich ist es, als würde die Schwerkraft mit einem Vielfachen ihrer selbst an Armen und Beinen zerren. Einen hineinpressen in den Sitz. Bis es langsam wieder hell wird auf der Bühne. Niemand mehr da – außer den Kulissen. Man möchte den Rudolstädter Schauspielern Beifall klatschen für ein berührendes Stück. Für das witzige Spiel einer tieftraurigen Geschichte. Auch für den Kloß im Hals, der doch nichts anderes tut, als an der Menschlichkeit eines jeden zu rühren. Aber darf man dem Tod applaudieren? Nein, nein. Niemand im Saal wagt die Hände zu rühren. Jeder starrt nach vorne, schielt zum Nachbarn, ohne den Kopf zu bewegen. Man kann sich vorstellen, wie sie jetzt hinter der Bühne stehen und die Luft anhalten. Es ist, als würde dieses Stück selbst nach seinem Ende noch einmal die Gefühle in die Zwickmühle bringen wollen. Und dann, das erste Mal seit langer Zeit: Standing Ovations in Rudolstadt.
Drei Künstler
Vor zehn Jahren hat der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky einen Theatertext geschrieben, der Motive aus dem Leben dreier Wiener Künstler zu einem fiktionalen Schicksalsweg fügt: Dem Schlagertexter und Librettisten Fritz Löhner-Beda, der zusammen mit Franz Lehár die Operetten „Land des Lächelns“ und eben auch „Giuditta“ schuf, dem Kabarettisten Fritz Grünbaum, der einst mit Karl Valentin auftrat, und dem Komponisten Hermann Leopoldi. „Veronika, der Lenz ist da“ heißt einer von vielen Schlagern aus Leopoldis Feder. „Freunde, das Leben ist lebenswert“, nannte er sein Stück. Es ist der Titel eines recht hübschen Liedchens aus der Lehár-Operette „Giuditta“. Wenn es der Tenor ganz am Anfang in Rudolstadt trällert, mag sich der ein oder andere für Augenblicke in süßer Operettenseligkeit wähnen.
Doch der Tenor singt nicht nur, er spricht auch. Er ist an diesem Abend der Mann an der Zeitmaschine: „Wien, 1934“ setzt er das Publikum in Raum und Zeit – die erste Station und gleich eine Jahreszahl, die nichts Gutes bedeutet. Es ist der Moment, in dem das Schicksal der drei Herren eine neue Richtung nimmt: Jeder im Saal weiß ja, was kommt: Drei Österreicher. Aber auch drei Juden. Und Österreich kommt 1938 „heim ins Reich“, wie es so schön hieß. Der Schicksalsweg, der sich in Wien und Bad Ischl noch nett beschreiten ließ, wird ab Station 4 zum Martyrium: Buchenwald bei Weimar. „Auschwitz, 1942“, heißt die 15., die letzte Station, die der Tenor ankündigt. Zwei der drei Freunde überleben das nicht. Es ist ein Text, der nur sehr selten gespielt wird. Was weniger daran liegt, dass er den Nazi-Terror auf die Bühne bringt – was für ein Theaterstück an sich etwas wenig wäre. Sondern daran, dass man ihm erst einmal beikommen muss. Gerade deshalb hat Intendant Steffen Mensching den Text ausgegraben. Mit ihm lässt sich das künstlerische Programm des Hauses auf die Bühne bringen: Es verhandelt Thüringer Geschichte, bindet ein Orchester wie das Rudolstädter ein und lässt Spielformen zu, die niemand erwartet. Denn was diese Inszenierung ausmacht, ist der Witz, den Regisseur Alexander Stillmark präzise einsetzt. So wie sie ihn in Rudolstadt spielen, lässt sich der Text nicht einfach Tragödie nennen. Er ist Volkstheater, Komödie, Lustspiel, Kabarett – und auch Tragödie. Alles wird in dieser Inszenierung zur Karikatur. So macht ein morbides Graffiti die Bühne mit Galgenhumor zum Konzentrationslager. Spielen drei Frauen die berühmten Künstler mit großen Hornbrillen und angeklebten Nasen. Stecken die SS-Leute in braunen Strampelanzügen, die Bierbäuche und geschwollene Brüste betonen. Erinnert sowohl die Stimme als auch der weiße Schal des Tenors, der zwischen den Stationen stets ein Liedchen parat hat, doch verdächtig an Johannes Heesters.
Unsicher schaut das Publikum nach den ersten Szenen um sich: Darf man das? Man darf! Denn der Witz, der die heiklen Szenen ermeintlich so illuster erscheinen lässt, hat es in sich. Für die Betroffenen ist er Überlebensstrategie in einer unmenschlichen Umgebung. Wer seine Arbeit in der Latrinekolonne noch als „Kommando 4711“ verulken kann, der hat sein Mensch-Sein noch nicht ganz verloren. Und genau dieses naive Mensch-Sein auf der Bühne zu sehen, rührt an. Er entlarvt die Menschen auf gewisse Weise in ihrem Wesen: Die Guten wie die Bösen. Am besten sieht man das in der Inszenierung bei den SS-Leuten in Buchenwald: Am Obersturmbannführer Rödl, den Benjamin Griebel mit hochrotem Kopf herrlich einfältig zum depperten bayerischen Lagerkommandanten stilisiert, der seine Bierkisten mit dem Handwägelchen durchs Lager fährt. Oder am aufgeblasenen Hauptscharführer Sommer (Johannes Arpe), der – doof wie Bohnenstroh – sein Heil im Knüppel sucht. Karl Schultze-Prohaska (Rayk Gaida) mit der roten Clown-Nase ist der Gefährlichste von allen: Einst Löhner-Bedas Chauffeur und Bewunderer, versucht er mit geradezu unbekümmerter Fröhlichkeit, gegen Brotstücke das Talent des Juden für seine eigenen schriftstellerischen Ambitionen zu nutzen – am Ende erschlägt er ihn mit dem Hammer. „Das Lachen über die Mörder bleibt einem im Halse stecken, doch der Witz ist der Triumph über das Verbrechen“ schreibt der bekannte österreichische-israelische Schriftsteller Doron Rabinovici.
Schwer zu ertragen
Die drei Frauen Charlotte Ronas (Fritz Löhner-Beda), Simone Cohn-Vossen (Fritz Grünbaum) und Verena Blankenburg (Hermann Leopoldi) spielen ihre Rollen in bewundernswertem Gleichklang. Sie zeigen die Eitelkeit der Künstler, deren Sorglosigkeit in den Wiener Jahren, deren Fassungslosigkeit im Angesicht von Buchenwald. Sie spielen den Witz, mit denen sie die Zustände zu bewältigen versuchen genauso wie den körperlichen Verfall – vor allem gelingt dies Charlotte Ronas. Es ist die letzte Szene, die bleiben wird von dieser Inszenierung: Der von der Arbeit in Auschwitz erschöpft am Boden liegende Beda-Löhner richtet sich noch einmal auf und blickt seinem Mörder, der den Hammer schon schwingt, direkt in die Augen. Es kommt leicht daher, und ist doch so schwer zu ertragen. Vor allem, weil das Unmenschliche so beiläufig aus den Tätern fließt, und die Opfer auch lächeln. Wohin ein guter Regisseur, nämlich Alexander Stillmark, seine Schauspieler führen kann, zeigt dieser großartige Theaterabend.
Die schwere Stunde der leichten Muse
www.nachtkritik.de, 30.04.2011
Freunde, das Leben ist lebenswert – Charles Lewinskys Stück für Fritz Beda-Löhner, Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi in Rudolstadt von Kai Agthe
Rudolstadt, 30. April 2011. Die Satiren und Komödien, die den Nationalsozialismus aufs Korn nehmen, sind so alt wie dieses Phänomen selbst. Es ist keine Frage, ob man sich dieser verbrecherischen Weltanschauung mit solchen Mitteln zuwenden darf oder nicht, sondern nur, wie das gelingt. Charles Chaplins "Der große Diktator" (1940) war ein früher und gelungener Versuch, Hitler durch Verlachen vorzuführen. Daran kann ein Spielfilm wie die russische Komödie "Hitler geht kaputt" (2008) freilich kaum anknüpfen. Sich dieses Themas anzunehmen, ist eine Gratwanderung. In Rudolstadt ist sie gelungen.
Ermordet und vergessen
Fritz Löhner-Beda (1883-1942) war einer der wichtigsten Schlagertexter der dreißiger Jahre. Die Musikgeschichte verdankt ihm Titel wie "Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans?" und "Ausgerechnet Bananen". Löhner schrieb auch das Libretto für Franz Lehárs Operette "Das Land des Lächelns", deren Titel wie "Immer nur lächeln" und "Dein ist mein ganzes Herz" Klassiker wurden. Während Lehár jedoch zum Lieblingskomponisten Hitlers avancierte, kam Löhner-Beda nach der Annexion Österreichs 1938 aufgrund seiner jüdischen Abstammung ins Konzentrationslager. Ein Schicksal, das er mit dem Kabarettisten Fritz Grünbaum (1880-1941) und dem Komponisten Hermann Leopoldi (1888-1959) teilte. Löhner und Leopoldi sind auch die Verfasser des "Buchenwald-Liedes". Über dessen Entstehung hat sich Hermann Leopoldi, der als einziger dem Schreckensregime entkommen konnte, geäußert.
Der Schweizer Autor Charles Lewinsky (Jahrgang 1946) – der selbst über 700 Liedtexte geschrieben hat – führt die Biografien der drei Künstler in "Freunde, das Leben ist lebenswert" (auch das ein Lied Lehárs zu dem Löhner den Text schrieb) zusammen. In 15 Szenen wird gezeigt, wie Löhner, Grünbaum und Leopoldi von gefeierten Stars des Wiener Kultur- und Gesellschaftslebens zu Häftlingsnummern in der deutschen KZ-Hölle werden. Zwischen den Kapiteln erklingen die bekanntesten Schlager, deren Texte Löhner schrieb. Gespielt werden die schmissigen Lieder von einer kleinen Besetzung der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt unter Leitung von Thomas Voigt und gesungen von dem Tenor Jürgen Mutze. Und je größer die Drangsal der drei Künstler ist, umso absurder wird die leichte Muse.
SS-Lyriker im Batman-Kostüm.
Regisseur Alexander Stillmark hat die Hauptrollen, sich an der Brechtschen Verfremdung orientierend, mit Frauen besetzt: Charlotte Ronas als Fritz Löhner-Beda, Simone Cohn-Vossen als Fritz Grünbaum und Verena Blankenburg als Hermann Leopoldi überzeugen als beleibte und beliebte Vertreter der Wiener High Society ebenso wie als ausgemergelte KZ-Insassen, die zuletzt alles verlieren, nur eines nicht: ihren tiefironischen "jüdischen" Witz.
Das verbindende Element zwischen Löhners altem und neuem Leben, zwischen Wien und Buchenwald ist der fiktive Fritz Prohaska (Rayk Gaida). Der war vor dem Anschluss Österreichs Löhners zum Stottern neigender Chauffeur und ist nach 1938 SS-Aufseher in Buchenwald und später in Auschwitz. Prohaska, der sich als SS-Mann Schultze nennt und keine Sprachhemmung mehr hat, ist ein verkappter Lyriker. Für seine Hitler-Panegyrik ist er von seinem Chef ausgelacht worden. Als sich die Machtverhältnisse umkehren, überarbeitet Löhner in Buchenwald die Elaborate seines ehemaligen Fahrers. Die Freiheit winkt ihm dafür nicht, aber ein Stück Brot.
Es ist seltsam, wie schlagartig sich die Physiognomie eines Menschen ändert, sobald er die berüchtigte schwarze Mütze mit dem Totenkopf trägt. Die Kopfbedeckung hier ist original, die Kostüme der SS-Leute sind jedoch stark am Comic orientiert und erinnern an "Sin City" oder "Batman": Enge braune Anzüge mit Kämpferbrust oder Bierbauch und rot geschminkte Gesichter geben den Sadisten etwas Diabolisches.
Es ist eine Binsenweisheit, dass brutale Nazis leichter darzustellen sind als jüdische Intellektuelle. Dennoch gibt Benjamin Griebel den Obersturmbannführer Rödl als gottgleiche Witzfigur ähnlich überzeugend wie Johannes Arpe den ihm hündisch ergebenen Hauptscharführer Sommer. Beides nur wenig verfremdete Figuren, die es in Buchenwald wirklich gegeben hat: Arthur Rödl war der Führer des Schutzhaftlagers, Martin Sommer hatte die Arrestzellen unter sich. Auch Hauptsturmführer Hartmann (Joachim Brunner), der Prohaska in Auschwitz darüber belehrt, dass ein KZ im Grunde nur ein Förderband sei, das durch den Einsatz von "Menschenmaterial" am Laufen gehalten wird, ist vom gleichen unmenschlichen Kaliber.
"Freunde, das Leben ist lebenswert" bietet eine in sich geschlossene Ensemble-Leistung, die am Premierenabend durch das Publikum erst mit einminütiger Stille und dann, sehr zu Recht, mit lang anhaltendem und brausendem Beifall quittiert wurde.
Verse für ein Stück Brot
Thüringer Landeszeitung, 02.05.2011
Charles Lewinskys "Freunde, das Leben ist lebenswert" hatte am Theater Rudolstadt Premiere. Im Mittelpunkt des Stücks steht der jüdische Librettist Fritz Löhner-Beda, der die Texte zu einigen der bekanntesten Schlager der 1930er Jahren schrieb. 1942 starb er in Auschwitz. von Franziska Nössig
Rudolstadt. In Wien lachen die Nazis noch über Fritz Grünbaum und applaudieren Fritz Löhner-Beda. In Buchenwald werden ihnen die Witze des Kabarettisten zu bunt, und vom Schlagertexter wollen sie längst nichts mehr wissen. Beide jüdischen Künstler finden im Konzentrationslager ihr Ende: den einen erstickt der Lageraufseher in einem Eimer Fäkalien, den anderen erschlägt sein ehemaliger Chauffeur Prohaska.
So sterben Löhner und Grünbaum im Theater, in Szenen, die drastisch, aber allzu plakativ die Grausamkeiten der Nazi-Schergen quasi zusammenfassen. In Wahrheit beging Grünbaum Selbstmord im KZ. Löhner, vor allem als Librettist Franz Lehárs bekannt, starb an Misshandlungen - allerdings nicht von seinem zum SS-Mann Schulze mutierten Fahrer. In Rudolstadt hatte am Samstag das Stück "Freunde, das Leben ist lebenswert" Premiere, das die drei jüdischen Wiener Künstler Grünbaum, Löhner und den Komponisten Hermann Leopoldi von ihren Publikumserfolgen in den 1930er Jahren bis zu ihrer Gefangenschaft im Konzentrationslager Buchenwald begleitet. Dort schreiben Löhner und Leopoldi zusammen das Buchenwaldlied. Während letzterer in die USA ausreisen darf, schreibt Löhner für ein Stück Brot Führer-Gedichte für Schulze (Rayk Gaida). Grünbaum schimpft ihn "Hure".
Als Kontrast zu ihren sich verdüsternden Biographien hat der 1946 geborene Schweizer Autor Charles Lewinsky die optimistischen, eingängigen Schlager gesetzt, mit denen sie berühmt wurden. Einer davon - ein feiner Zynismus - gab Lewinskys Stück seinen Titel. In Rudolstadt spielen die Thüringer Symphoniker die Lieder mit lebhafter Expertise. Der Tenor Jürgen Mutzke führt als befrackter Conférencier durch die Jahre und singt beim Szenenwechsel "O Donna Clara" oder "Ausgerechnet Bananen" mit jener schneidenden, luftknappen Dramatik, die so charakteristisch ist für die 1930er Jahre.
Mit Schulze-Prohaska als hinzu erfundener Figur, den abgewandelten Todesumständen und einer geglätteten Geschichte hat sich Lewinsky gegen die bloße Nacherzählung dreier jüdischer Schicksale und für eine dokumentarisch-fiktionale Bearbeitung entschieden. Sie ist als Parodie angelegt, wohlwollend spöttelnd im Hinblick auf die jüdischen Protagonisten, grotesk und hämisch gegenüber den Nazis - das Unvorstellbare lässt sich nur mit schwarzem Humor ertragen. In diesem starren Rahmen bleibt allerdings wenig Spielraum für die Figuren, nach den ersten paar Sätzen glaubt man sie schon ewig zu kennen. Ihre Dialoge klingen des öfteren hölzern, was auch der jüdisch-absurde Witz, die Grundzutat des Textes, nicht abmildern kann.
Kugelrunde Pinguine in weißen Socken
Alexander Stillmarks Inszenierung vermag dennoch, dem Zuschauer das Schicksal der drei Künstler nahe zu bringen. Als gutgenährte, erfolgsverwöhnte Intellektuelle walzen sie unter einem schillernden Varieté-Baldachin durch Wien, kugelrunde Pinguine in weißen Socken mit großen Brillen auf den gebogenen langen Nasen. Charlotte Ronas, Simone Cohn-Vossen und Verena Blankenburg spielen das Trio. Als Frauen sollen sie das "Anderssein" der jüdischen Künstler unterstreichen, doch mehr macht der Regisseur aus seiner Besetzung nicht.
In Buchenwald finden sich die drei als abgemagerte Häftlinge in grün-weiß gestreifter Lagerkleidung wieder (Bühne und Kostüme: Volker Pfüller). Da ist der Kitsch-Baldachin längst einer gruseligen Kulisse in Lila gewichen, auf der wie in der Geisterbahn Totenköpfe, Sensenmänner, Skelette und grelle, verzerrte Fratzen gemalt sind. Am hässlichsten ist die von Hitler.
Während die drei Künstler aus ihren Fatsuit-Kostümen klettern dürfen, bleiben die Nazis in ihre körperbetonten braun-schwarzen Anzüge mit den dicken Schaumstoff-Bäuchen gepresst. Benjamin Griebel versieht seinen Obersturmbannführer Rödl mit bayrischem Dialekt und spielt ihn mit diebischer Freude: Wie eine Olive auf einem Zahnstocher wiegt er sich im Takt der Musik, die Zehen angespannt in den langen schwarzen Socken, und faselt von den KZs als Orte der Kultur und Technik.
Dass ihr Zweck ein anderer ist, offenbart der Conférencier im zweiten Teil: Als singender Tod mit Gruftie-Make-up und unbarmherziger, noch schärferer Stimme gibt er das letzte Geleit.
Zwischen Schlager-Himmel und Lager-Hölle
Die deutsche Bühne, Juli 2011
(Auszug)
Am Thüringer Landestheater Rudolstadt hat es Intendant Steffen Mensching geschafft, das Haus mit einer Auslastung von 86 Prozent wieder in der Region zu verankern. Die Frage der zukünftigen Finanzierung ist seitens des Landes weiter ungeklärt. Von Ute Grundmann
Besonders wichtig sind Steffen Mensching die gemeinsamen Projekte des Schauspiels und des hauseigenen Orchesters, der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt. Die "Eigenart, diese auch mal angefeindete Konstruktion, dass sich eine kleine Stadt und ein nicht so kleiner Kreis so etwas leisten“, will er nutzen, will Profit daraus schlagen‚ um für populäre, unterhaltende Tendenzen eigene Formen zu entwickeln: „Mit einem fest eingespannten Orchester kann man das gar nicht.“
Das diesjährige gemeinsame Projekt schickt das Publikum auf eine Achterbahn der Gefühle, denn Charles Lewinskys „Freunde. das Leben ist lebenswert“ führt vom Schlager-Himmel in die Lagerhölle. Dafür ist die Bühne zu Beginn mit Goldstoff wie eine Muschel ausgeschlagen. „Ein Tenor“ (wunderbar: Jürgen Mutze) singt nicht nur den Richard Tauber-Klassiker, sondern im Wechsel mit Spielszenen auch andere Hits der 20er und 30er Jahre deren frech-fröhliche Texte aus der Feder der jüdischen Texter und Kabarettisten Fritz Löhner-Beda, Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi stammen. Diese drei werden zu den Hauptfiguren des Abends, der wie eine glänzende Kabarett-Vorstellung beginnt, im Frack. aber auf weißen Strümpfen, mit übergroßen Nasen und Brillen, spielen Charlotte Ronas (Löhner-Beda), Simone Cohn-Vossen (Grünbaum) und Verena Blankenburg (Leopoldi), die sich und ihre Erfolge feiern und die Nazis für einen Spuk halten, der bald vorbei sei. Dabei gibt es einen Nazi ganz in ihrer Umgebung, den Chauffeur Schultze-Prohaska (Simon Keel), der so gerne Dichter wäre und dem die drei Herren bei seinen Nazi-Versen ironisch helfen.
Doch das Lachen darüber bleibt im Halse stecken‚ wenn die drei dem Chauffeur im KZ Buchenwald wiederbegegnen: Er, eine kleine Nazi-Nummer, sie, Eingesperrte, denen nicht mal der Vorname, sondern nur noch eine Nummer bleibt. So glanzvoll-unterhaltend Regisseur Alexander Stillmark den Anfang inszeniert hat, so eindringlich gelingen die Szenen im Lager – zwischen Hoffen auf Freilassung, Hunger, Schlägen und Demütigungen durch den SS-Obersturmbannführer Rödl (Benjamin Griebel), der auf Kultur in seinem KZ Wert legt. Nach zweieinhalb Stunden brauchte das Publikum hörbar eine Atempause, ehe es zu klatschen begann.
Wiener Totentanz
Thüringer Allgemeine, 02.05.2011
Premiere in Rudolstadt: "Freunde das Leben ist lebenswert" - keine Operette von Henryk Goldberg
Dies ist ein schlechtes Stück und ein großer Erfolg. Und also hat das Theater recht und das Publikum auch, dessen heftiger Beifall nach betroffenem Schweigen stehend dargebracht wurde. Der Berichterstatter blieb am Samstag sitzen.
Am Ende lodert ein Feuer. Ein Tenor mit dem Gesicht des Todes singt "Dein ist mein ganzes Herz". Der Mann, der diesen Text geschrieben hat, wälzt in Häftlingskleidung einen Stein. Zwei Herren diskutieren Betriebswirtschaft. Es handelt sich um Mitarbeiter der IG Farben und es handelt sich um Auschwitz. "Diese Judensau", sagt einer der Herren schließlich, könne ruhig etwas schneller arbeiten, woraufhin der eine SS-Mann dem anderen einen großen Hammer in die Hand drückt. Und hinten lodert das Feuer von Auschwitz.
Das Publikum entschloss sich, sehr betroffen, nur zögernd zum Applaus und der Berichterstatter, sehr ärgerlich, fast gar nicht. Für ihn war diese Szene eine unerträgliche Mischung aus schlichter Didaktik und ästhetischem Kitsch.
Kann sein, "Freunde das Leben ist lebenswert" ist, nicht nur als Titel, an dem bedrückenden Wunder des Filmes "Das Leben ist schön" orientiert. Doch der Zauberkünstler Robert Benigni wusste, anders als der Handwerker Charles Lewinsky, dass man das Leben in Auschwitz als sichtbaren Teil einer Groteske erzählen kann, doch das Sterben nicht. Aber weil Lewinsky es dennoch erzählt, landet er im Kitsch. Das ist das Ärgerliche. Das Übrige ist, überwiegend, nur das Langweilige. Dabei, das sollte bedrückend sein.
Fritz Löhner-Beda war unter anderem Librettist von Lehars "Das Land des Lächelns", er schrieb Lieder wie "O Donna Clara" und "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren". Fritz Grünbaum, dessen "Dollarprinzessin" auch in Erfurt gespielt wurde, war eine der prägenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Kabaretts, er textete Schlager wie "Ich hab das Fräulein Helen baden seh'n". Herrmann Leopoldi ("Veronika, der Lenz ist da") war einer der erfolgreichsten Liederkomponisten seiner Zeit.
Die drei Wiener Juden trafen sich wieder in Buchenwald. Leopoldi konnte dann in die USA ausreisen, Löhner-Beda blieb in Auschwitz, Grünbaum in Dachau. Charles Lewinsky erzählt das als Stationendrama, Wien, Buchenwald, Auschwitz. Und legt die Geschichte als Groteske an, die Figuren, Geschundene wie Schänder, clownesk. Die Geschichte mag so zu erzählen sein, nur: Lewinsky hat nichts zu erzählen, außer der grotesken Grundsituation. Diese Szenen könnte man beliebig streichen und durch beliebig andere ersetzen, daraus mag folgen, dass das dann auch für die drei Hauptdarsteller gilt.
Wenn Lewinsky einmal eine konkrete Geschichte findet, wie einen grotesken Lyrikwettbewerb, für den Löhner-Beda als Ghostwrighter eines SS-Mannes arbeiten soll, dann wird das dankbar zelebriert und überdehnt. Volker Pfüller, ein erstklassiger Bühnenbildner und Grafiker, hat einen goldbrokatenen Grammophontrichter auf die Bühne gehängt, ein Tingeltangelvorhang in Wien. Den Weg in das Tor zum Tod markieren zwei schrill bemalte Zäune, ein wenig den Zirkus assoziierend, ein gemalter Totentanz, den sie auch einmal tanzen. Hinten sitzt die Philharmonie, gewiss auch eine Maßnahme der kulturpolitischen Taktik.
Alexander Stillmark, einst mit Klaus Erforth Regisseur einiger herausragender Arbeiten des Deutschen Theaters in Berlin, hat ein Gefühl für das Groteske, aber er verschleißt hier an der Vorlage. Daraus folgt das matte Interesse, das die drei Hauptfiguren, alle weiblich besetzt, gewinnen. Charlotte Ronas, Simone Cohn-Vossen und Verena Blankenburg scheinen austauschbar, nicht nur durch die clowneske Maske. Kaum Differenzierungen, kaum Aufmerksamkeitsgewinn durch Schauspielkunst, der immer gleiche Gestus.
Die Geschichte kommt kaum von der Stelle, sie erzählen, kontrastiert durch den Tenor Jürgen Mutze, der die Klassiker singt, die immer gleiche Grundsituation und die ist bald erschöpft. Da ist keine Kraft in den Szenen, keine Spannung. Wenn Löhner-Beda etwa um seinen Freund Grünbaum trauert und zugleich ein Gedicht auf den Führer schreiben soll, dann sind Trauer und Tragik nur behauptet, nicht gefühlt. Sie können den schreienden Kontrast nur als Grundsituation etablieren, aber kaum je im Detail behaupten.
Es hat Konsequenz, dass die SS-Chargen deutlich überzeugender sind: Die benötigen keinen Untertext. Johannes Arpe und Benjamin Griebel sind mit groteskem Gestus, mit beherrschter Körpersprache die Protagonisten des Abends.
"Mit der Form", sagt der SS-Mann zu dem jüdischen Schriftsteller, "hast du dich immer ausgekannt, aber mit dem Inhalt..." Und es ist, als sage er das über diesen Abend.