Premiere am 30. September 2011, theater tumult
Was Mama und Papa verbieten, ist bei Oma und Opa in der Regel erlaubt. Naschen ohne Ende zum Beispiel oder Fernsehen bis in die Puppen. Aber was geschieht, wenn ein Kind sich plötzlich um die Großeltern sorgen muss, denen es bisher immer blind vertrauen konnte? Für den zehnjährigen Janek ist sein Opa Freund, Trainer und sportliches Vorbild. Der Mann hat als Schwimmer 1968 eine echte Olympiade erlebt. Janek wäre gern so ein »Delfin« im Wasser wie er. Dafür trainiert er jede Woche hart. Aber auf einmal benimmt sich Opa irgendwie seltsam. Anfangs ist es noch lustig, wenn dem Alten das Wort »Kamm« nicht einfällt und er den »Glattmacher« sucht. Als Opa im Bademantel ins Kino gehen will, droht die Sache peinlich zu werden. Dann findet der Großvater sein Geld nicht und nennt seinen Enkel einen Dieb. Nach einem heftigen Streit begreift Janek, dass der Weltklasseschwimmer a. D. langsam sein Gedächtnis verliert. Bald wird er ihn, seinen Schützling, nicht mehr erkennen. Soll Janek weitermachen mit dem Training? Glücklicherweise findet er jemanden, der ihn anspornt, seinen Traum vom »Delfin« nicht aufzugeben.
»Am Horizont« erlebte im Mai 2009 seine Uraufführung in Saarbrücken. Drastisch-realistisch und trotzdem höchst einfühlsam zeigt die Autorin Petra Wüllenweber den Verlauf der unheilbaren Krankheit Alzheimer. Ihr Theaterstück ist ein berührendes Plädoyer für Verständnis, Liebe und Familienzusammenhalt. Wir leben alle auf des Messers Schneide.
Wo Meer und Himmel sich berühren
Ostthüringer Zeitung, 08.10.2011
Kinderstück „Am Horizont“ im Theater Tumult beschäftigt sich einfühlsam mit dem Thema Alzheimer Von Ulrike Lenz
Janek ist ein guter Schwimmer. Er wird von seinem Opa auf seinen ersten Wettkampf vorbereitet. Doch während Janek immer besser schwimmt, wird Opa immer seltsamer. Zuerst ist er nur vergesslich, dann will er im Bademantel ins Kino gehen und schließlich erkennt er sein Spiegelbild nicht mehr.
Petra Wüllenwebers Stück „Am Horizont“ ist eine echte Entdeckung und das Theater Rudolstadt eine der ersten Bühnen Deutschlands, die es für sein Publikum in Szene gesetzt hat. Regie führt der junge Schauspieler Tobias Rott. Joachim Brunner als Opa gelingt es in dem nur einstündigen Bühnenspiel den mehrjährigen Verlauf der schweren Alzheimer- Erkrankung so glaubhaft zu gestalten, dass dem Zuschauer bei seinem letzten Satz an Janek: „Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“ der Atem stockt.
Ebenso vermag es Benjamin Griebel als Janek, alle Facetten dieser Großvater-Enkel-Beziehung wie Bewunderung, Liebe, Scham, Mutlosigkeit, Wut, Verzweiflung und Verständnis zum Leuchten zu bringen. Trotz der vorgeführten traurigen Realität gelang es dem Regisseur durch wunderbare Einfälle, wie dem Vokabelpauken als Gesangsduett (Henry Higgens lässt grüßen) das Publikum zum Lachen zu bringen. Die sich entwickelnde Freundschaft zur neuen Mitschülerin Anna (frech gespielt von Laura Göttner) hilft Janeks Abschied vom Großvater zu kompensieren. Die Regie fördert in diesem Zusammenspiel viel Raum für heitere Momente.
Nicht umsonst verbindet in dem Stück den Großvater und den Enkel das Schwimmen. Es ist die Bewegung in einem anderen Element, einem Element, in dem alle Stimmen und Geräusche anders klingen − so wie die Welt des Opas durch seine Krankheit eine völlig andere geworden ist.
Susanne Füller verwandelt die Bühne in ein wasserblaues Schwimmbad, in dem alle anderen angedeuteten Räume und Gegenstände farblich so eingepasst sind, das sie fast unbemerkt in dem schnellen szenischen Wechsel auf- und abtauchen können. Wenn Opa seinen Platz hoch oben auf dem Sprungturm gefunden hat, ist er seinem Himmel schon sehr nah, doch nur Janek weiß, wie Opa wirklich dorthin kommt. Er schwimmt zum Horizont, dorthin, wo Meer und Himmel sich berühren. Wenn Felix Chekin (11 Jahre) nach der Aufführung meinte, es sei richtig gut gewesen, zu erfahren, wie man in den Himmel kommt und der 10-jährige Carlo Crecelius sagt: „Toll, dass Janek seinen Opa nicht im Stich gelassen hat“, so ist dem nichts mehr hinzuzufügen.
Von der Freundlichkeit der Theatertechnik
Freies Wort, 5.10.2011
Von Matthias Biskupek (Ein Ausschnitt aus einem unmfangreicheren Artikel über das Festival "Ruhestörung")
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Die gastgebende Berufsbühne hatte eine ihrer Premieren just zum Thema mitten in dieses Festival gelegt: „Am Horizont“, ein Stück ab 10 Jahren von Petra Wüllenweber, wurde im „theater tumult“, der Spielstätte für Kinder und Jugendliche, umjubelt.
Schüler Janek wird nach und nach zum Pfleger seines an Alzheimer leidenden Großvaters. Der einst erfolgreiche Schwimmer will seinen Enkel zu Olympia-Ehren führen – scheitert aber schon am Wort für „Kamm“, will im Bademantel auf die Straße – all die lustig-schlimmen Episoden auf dem Weg zum Horizont werden kurz und prägnant (Regie Tobias Rott, Ausstattung Susanne Füller) vorgeführt. Jochim Brunner spielt als Opa exzellent die Brüche zwischen Wachheit und Dahindämmern, wenn Kumpelhaftigkeit in Bösartigkeit umschlägt.
Benjamin Griebel und Laura Göttner, Janeks Schulfreundin, haben die schwierige Aufgabe, Zehnjährige zu spielen – es gelingt beiden bravourös. Sie behaupten ihre Kunst-Figuren gegen- und miteinander: Griebel der gelegentlich Täppische, Verzweifelte, der sich durch Englisch-Vokabeln kämpft, Göttner, die von der Klasse Ausgegrenzte, die kindlichen Charme mit der Koketterie des Weibchens verbindet.
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