Premiere am 21. April 2012, Großes Haus
»Verzeih Mozart! Dein Mörder bittet dich um Gnade! « – das schreit 32 Jahre nach Mozarts Tod ein alter Mann in seiner Wiener Wohnung aus sich heraus: Es ist der Hofkompositeur und Kapellmeister Antonio Salieri. Mit seiner Selbstbezichtigung, das Genie vergiftet zu haben, will er endlich den Ruhm erlangen, der ihm als Künstler zeitlebens versagt blieb. Vor einem imaginären Publikum entwirft er ein Zerrbild seiner Vergangenheit und macht die Zuschauer zu Zeugen seines Größenwahns. Im Jahre 1780 sitzt Salieri in Wien künstlerisch fest im Sattel. Kaiser Joseph II. liebt seine Musik. Doch kommen aus Salzburg bedrohliche Nachrichten von einem Wunderkind mit Namen Wolfgang Amadeus Mozart. Salieri spürt sofort die Einzigartigkeit dieses Talents. »Aber wieso nur hat Gott über diesem obszönen Kindskopf, der alle musikalischen Regeln über den Haufen wirft, sein ganzes Füllhorn ausgeschüttet und nicht über ihm, Salieri, seinem ergebensten Diener?« Der vom Schicksal Benachteiligte sagt dem ungerechten Gott den Kampf an. Seine Waffe: Mozart selbst. Gott soll sein Lieblingskind leiden sehen! Mit Hofintrigen und psychologischer Raffinesse treibt Salieri den Konkurrenten in den Ruin ...
Peter Shaffers publikumswirksamstes Theaterstück greift geschickt auf Gerüchte und Spekulationen um Mozarts Tod zurück, die sich, obwohl längst widerlegt, bis heute halten. Das Schauspiel mit viel Musik, 1984 von Milos Forman verfilmt, ist unkonventionelles Künstlerportrait und opulentes Kriminalstück zugleich. Erleben Sie eine neue Gemeinschaftsproduktion des Schauspielensembles mit den Thüringer Symphonikern.
Umjubelte Premiere für "Amadeus" in Rudolstadt
Ostthüringer Zeitung, 23.04.2012
Von Sabine Wagner
Alt, krank, verbittert: Am Ende seines Lebens stehen Salieri mit dem Schöpfer des Kuchens und dem Rasiermesser-Bewahrer noch zwei Bedienstete zur Seite. Der eine macht ihn satt, der andere sauber.
Was bleibt, ist ohnmächtige Wut auf einen Gott, den er zum Feind erklärte. Salieris Schlachtfeld Mozart, auf dem er den Kampf um musikalische Ewigkeit verlor, ist längst tot und doch weit lebendiger als der Lebende. Und der greise Salieri in schauerlicher Maske (Ausstattung Sabine Pommerening) erteilt den Mittelmäßigen Absolution.
Erfolg hat bekanntlich viele Väter
Samstagabend erlebte Peter Shaffers preisgekrönte Stück "Amadeus" in der Regie von Jürgen Pöckel im ausverkauften Rudolstädter Theater seine umjubelte Premiere. Erfolg hat bekanntlich viele Väter. In diesem Fall ist es vor allem die kluge Idee, die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt unter Leitung von Thomas Voigt sowie die Sänger Ute Ziemer und Roland Hartmann mit ins Boot zu holen. Wenn auch meist nur in Auszügen, erklingen die Werke des seinerzeit gefeierten, fleißigen Arbeiters Salieri und die des genialen Tonschöpfers Mozart und laden ein zu einer Reise, die wunderbar und fein musiziert zu einem Erlebnis wird.
Ouvertüren aus Salieris Oper "Der Rauchfangkehrer", Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" oder "Don Giovanni", die Arie des Sarastro aus "Die Zauberflöte", Ausschnitte aus dem "Requiem" und vor allem Mozarts Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur, bei dem Andrea Steinberg als Solistin brilliert, sind ein Hörvergnügen. Thomas Voigt gelingt der sensible Spagat zwischen Orchester und Schauspiel und mit seinem Rezitativ "Geister der Zukunft" eine besondere Note im Stück.
Kindskopf und besessener Musiker
Natürlich lebt "Amadeus" auch in Rudolstadt von der Legenden umwobenen Rivalität der ungleichen Musiker. Jürgen Pöckel bleibt dabei nah am Text und lässt das göttliche Wunderkind beim Fangenspielen mit Frau Constanze (Anna Oussankina) kreischend und Obszönitäten plärrend über Tisch und Stühle und unter Constanzes Röcke springen. Marcus Ostberg gibt seinem Affen Zucker und mit seinem Temperament der "Kindskopflegende" neue Nahrung. Ebenso konsequent aber spielt er den innerlich zerrissenen, zerstreuten, vom Tod des Vaters betroffenen und besessenen Musiker, über den sich halb Wien das Maul zerreißt. Und dem der senile Kaiser Joseph II. (Joachim Brunner) brave Stücke, allerdings mit viel zu vielen Noten bescheinigt.
Wien jedenfalls ist entsetzt über diesen altklugen Bengel, der seine Themen nicht bei den Göttern und Helden findet, sondern im Harem eines Paschas und bei den einfachen Leuten auf der Straße, und der sich selbstbewusst über Konventionen hinwegsetzt. Zudem lästert er ungeniert über den "hübschen Marsch" Salieris, den er sich damit endgültig zum Feind macht.
Quälendes Entzücken über das Wunderkind
Das kann nicht gut gehen und es geht nicht gut. Wobei der ehrgeizige Salieri weniger unter der Spottlust Mozarts leidet, der wie ein pausbäckiger goldener Engel allgegenwärtig über der Bühne schwebt. Er liebt Mozarts gebrochene Harmonien, die flirrenden Übergänge, das scheinbar mühelose Komponieren und muss sich mit quälendem Entzücken eingestehen: Diesem Mozart, diesem Liebling der Götter, kann er nicht das Wasser reichen.
Johannes Arpe gibt dieser tragischen Gestalt ein hoch differenziertes Gesicht. Er ist der böse Intrigant, der Fallstricke legt und den Rivalen aus dem Spiel bringt. Er ist der neidvolle Hofkompositeur, der das Talent des Kontrahenten erkennt und daran verzweifelt. Vor allem aber ist Arpe in den Monologen ein gebrochener alter Mann, der ohne Gott und als Musiker eben nicht in die Ewigkeit eingeht. Das ist großartig gespielt und wunderbar facettenreich gestaltet. Für das Gesamtkunstwerk "Amadeus" mit vielen originellen Ideen und einer großartigen Ensembleleistung gibt es zur Premiere in Rudolstadt Riesenapplaus.
Der Feger und das Mittelmaß: "Amadeus" am Theater Rudolstadt
Thüringer Landeszeitung, 23.04.2012
Was fängt man mit der Spartenkombination Schauspiel und Orchester an? Man spielt Amadeus von Peter Shaffer. Von Frank Quilitzsch
Rudolstadt. Also schnappten sich die Rudolstädter Peter Shaffers Künstlerfarce über Mozart und Salieri, platzierten ihre Musiker mit auf der Bühne und landeten nach der famousen "Schicksalssinfonie" vom Vorjahr erneut einen Clou. Zehn Minuten standing ovation! Das Publikum tobte vor Begeisterung, und Thüringens Theaterminister auf Zeit, Christoph Matschie (SPD), staunte, was für Sprünge eine kleine, von der Politik arg gerupfte Bühne immer noch zu vollbringen vermag.
Freilich: "Amadeus" ist ein Publikumsrenner, bei dem man nicht viel falsch machen kann. Fast jeder kennt Milos Formans Oscar-gekrönte Verfilmung, und Shaffers von Puschkin "geliehene" Idee, Mozarts Leben und Sterben aus der bizarren Perspektive seines größten Neiders, des Wiener Kapellmeisters Antonio Salieri, zu erzählen, hat seit der Uraufführung des Stückes vor über 30 Jahren an Faszination nichts eingebüßt. Aber man muss diese Performance - mimisch und musikalisch - erst einmal stemmen.
Die Rudolstädter schaffen es. Sie haben in Marcus Ostberg einen Mozart, der adäquat die Unbekümmertheit des ausgewachsenen Wunderkinds verkörpert, als originell tönender Wuschelkopf die Damen betört und als genialer Faxenmacher sogar bei Kaiser Joseph Anklang findet. Wie er über die von Sabine Pommerening tapezierte Bühne fegt, dabei die Noten wie aus dem Ärmel schüttelt und in seinem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen bis zuletzt nicht erkennen will, dass ihm bei Hofe übel mitgespielt wird - das zu erleben, ist eine wahre Lust.
Der weit schwierigere Part fiel Johannes Arpe zu. Sein nur mit mittelmäßigem Talent geschlagener Salieri kann nicht ertragen, wie sich ihm das Genie in diesem hergelaufenen Mozart offenbart, und legt sich mit Gott an. Durch den mit allen Mitteln geführten Kampf, in dem er Mozart zu vernichten sucht, verliert er seine Würde. Arpe, der zu Anfang und am Schluss mit zugekittetem Gesicht als sabbernder Irrer im Rollstuhl sitzt, schwingt sich im szenischen Rückblick zu einem subtilen Meister der Intrige auf, der auch vor Mozarts junger Frau Constanze nicht innehält. Anna Oussankina wehrt sich als selbstbewusste Bürgerliche nach Kräften.
Überhaupt, die Hofschranzen! Angeführt von Seiner Majestät (Joachim Brunner) absorbiert der in Einfalt erstarrte Adel Mozarts lebensnahe Musik, die von den Philharmonikern unter der Leitung von Thomas Voigt immer wieder eingespielt wird. Der aus dem Opernfach kommende, erstmals Schauspiel-Regie führende Jürgen Pockel lässt die Gesangspartien von Ute Ziemer und Kammersänger Roland Hartmann doubeln. Eingangs noch etwas zu statisch, gewinnt die Inszenierung rasant an Fahrt und ist schließlich kaum noch zu bremsen. In der Pause gibt es zarte Venusbrüstchen in heller und dunkler Schokolade.
Der Göttliche
Freies Wort, 24.04.2012
Ob der Wiener Kapellmeister Antonio Salieri wirklich etwas mit Mozarts frühem
Tod zu tun hat, wird die Nachwelt nicht mehr klären. Ein Motiv jedenfalls
hätte er gehabt. Und es könnte genauso abgelaufen sein, wie in Peter Shaffers „Amadeus“ am Rudolstädter Theater. Von Peter Lauterbach
Einer jeden Zeit und eines jeden Ortes entrückt schwebt dieser zarte, klare, wehmütige Hauch der Klarinette über dem Orchester. Wer den zweiten Satz von Mozarts A-Dur Klarinettenkonzert hört, der glaubt zu ahnen, was dieses Wörtchen ‚Ewigkeit‘ wirklich meint. Denn diese Musik ist ganz für die Ewigkeit komponiert. Am Ende, nachdem sich Johannes Arpe in der Rolle des Hofkapellmeisters Antonio Salieri fast drei Stunden auf der Rudolstädter Bühne mühte, seinen Berufskollegen Wolfgang Amadeus Mozart ins frühe Grab zu befördern, spielt sie Andrea Steinberg mit den Thüringer Symphonikern. Und für einen Moment scheint es, als sei dieser Mozart doch so etwas wie eine göttliche Fügung gewesen.
Seit Milos Forman Peter Shaffers berühmtes Stück über die Rivalität zwischen dem am Wiener Kaiserhof beschäftigten Italiener Antonio Salieri und dem aus Salzburg zugereisten Wolfgang Amadeus Mozart in „Amadeus“ verfilmte, Ist das Gerücht weltbekannt: Salieri, der einzige, der Mozarts Genialität zu dessen Lebzeiten erkannte, wollte sich den gefährlichen Rivalen aus Angst um den eigenen Job vom Hals schaffen. Tatsächlich erscheinen die Umstände für den frühen Tod des „Wolferls“ bis heute höchst rätselhaft. Dass Salieri etwas damit zu tun hat, ist historisch beleuchtet mehr als unwahrscheinlich. Doch Peter Shaffer fügt die Puzzlesteine so geschickt zusammen, dass ein jeder im Rudolstädter Landestheater das finstere Trachten Salieris am Ende für die einzig mögliche Erklärung hält.
Die Stimme Gottes
Dass liegt nicht nur am Text, der zwar aus sich heraus logisch, aber alleine für sich noch nicht überzeugend ist. Überzeugen muss das Spiel, also der Schauspieler. Mit Johannes Arpe ist in Rudolstadt ein Mann gefunden, der diesen unglaublichen Zweikampf wie ein Berserker an sich reißt: Salieri gegen – nein, nicht Mozart. Salieri gegen Gott! Nicht mit, sondern durch Wolfgang Amadeus kämpft er und ahnt doch, dass er diesem Auserwählten, „der Stimme Gottes“, oder „eines obszönen Kindes“, wie er ihn nennt, nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen vermag.
Es ist dies ein fiktiver, aber absolut ernster Kampf, der mit seinem Ende – lange nach Mozarts Tod 1791 – beginnt. Erst 1825 steht Antonio Salieri selbst an der Schwelle. Und Johannes Arpe sitzt als weißhaariger Greis im Rollstuhl, frönt der italienischen Leidenschaft nach Süßpeise und plaudert in die Welt, er habe Mozart getötet. Um so seinen Namen an ihn zu heften – doch noch, in allerletzter Minute, unsterblich zu werden. Salieri reißt die greise Maske vom Kopf und springt ins Jahr 1788, in dem das Duell beginnt, Mozart ihm in die Quere kommt. Unter der Regie von Jürgen Pöckel wird „Amadeus“ zu einem Stück, in dem der große Komponist selbst nur die Nebenrolle spielt. Johannes Arpe ist der Erzähler, ist der SpieIführer, ist der charmante Komponist am Kaiserhof, ist der gönnerhafte Freund für das flatterhafte Wolferl, ist der verbissen-zornige Herausforderer Gottes. Er spielt all diese Züge mit einer bewundernswerten Balance. Vermeidet es, ihn mögen zu können, aber auch, ihn zu sehr zu verabscheuen. Er wird zu einem Getriebenen, steigert sich selbst hinein in seinen Wahn. Bewundert erschrocken diesen Mozart, diesen Einzigartigen. Hasst ihn nur, weil er es Gott nicht verzeihen kann, ihn selbst übergangen zu haben.
Über dieses Spiel legt Jürgen Pöckel eine absurde Ironie, wie sie sich auch in Formans Film andeutet. Nur hier Ist sie deftiger. Und mit Marcus Ostberg ist ein Schauspieler zur Steile, der mit einer lieblich fiepsenden Constanze (Anna Oussankina) wie ein Kleinkind Katz und Maus spielt, wie ein Verrückter mit wirrem Haar das Orchester auf der Hinterbühne dirigiert, und nur einen Wimpernschlag später in sich versunken auf einem Blatt Notenpapier kritzelt.
Der schwierige Charakter
Wie spielt man einen Mozart? Das Gefühl sagt Ostberg, man müsse in ihm immer auch ein Kind sehen können. Das ist schwer. Unglaublich schwer. Weil jeder Moment einen unschuldigen Zug bekommen muss, aber die verspielten Züge eines Kindes nie den genialen Musiker in Frage stellen dürfen. Ostberg gelingt dieser Balance in jedem Augenblick der Inszenierung. Der Regisseur hilft ihm dabei, weil er das Stück mit der Überzeugung inszeniert, dass dieser Mozart wirklich etwas mit Gott zu tun haben könnte.
Die melancholischen, die traurigen Momente überlässt er ganz Mozarts Musik. Auch die jubelnden. Auch die mitreisenden. Die Musik spielt den Göttlichen, Ostberg das Kind. So findet zusammen, was in Rudolstadt auch wegen der einzigartigen Kombination von Schauspiel und Orchester gut zusammenpasst. Vielleicht war es ja Salieri. Vielleicht auch nur eine tragische Fügung. Der Hofkapellmeister wurde, um in Mozarts Wortschatz zu schöpfen, jedenfalls zum Furz der Geschichte, Das Wolferl aber unsterblich. Denn am Ende triumphiert die Klarinette. Diese Melodie, unerreichbar für die Menschen, die am Ende der Vorstellung in Jubel ausbrechen.