Premiere am 26. November 2011, Großes Haus
Der Ort heißt Güllen, einst eine Kulturstadt, heute ein Provinznest, in dem zweimal am Tag ein Zug hält. Ja, früher, da hat Goethe hier übernachtet und Brahms ein Quartett komponiert. Vorbei, verweht, nie wieder. Die Industrie ging vor die Hunde, die Stadt steht vor dem Ruin. Und die Stimmung ist dementsprechend mies. Da kehrt Claire Zachanassian zurück. Die alte Dame, als Kläre Wäscher in Güllen aufgewachsen, durch Heirat zu unerhörtem Reichtum gekommen, verspricht ihrer Heimatstadt einen saftigen Scheck und den Aufschwung aus dem Jammertal. Ihr großzügiges Angebot hat nur einen Haken. Als Gegenleistung erwartet sie eine Leiche. Eine Milliarde für den Mord an ihrem jugendlichen Geliebten, dem Mann, den sie liebte und der sie mit einem Kind sitzen ließ. Ein unerbittliches Spiel um geheuchelte Anständigkeit, kollektive Schuld und menschliche Verführbarkeit beginnt.
»Eine Geschichte, die sich irgendwo in Mitteleuropa in einer kleinen Stadt ereignet, geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde«, schreibt Dürrenmatt 1956 anlässlich der bejubelten Uraufführung in Zürich. Die berühmte Schauspielerin Therese Giehse hatte dem Autor die Traumrolle abgerungen. Sonst wäre die alte Dame im Stück ein alter Herr gewesen. Inzwischen gehört die tragische Komödie zu den Klassikern der modernen Dramatik und scheint in Zeiten wirtschaftlicher und kultureller Talfahrten aktueller denn je: »Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle«, sagt Claire Zachanassian.
Spieldauer: 2 h 30 | Eine Pause
Heuchelei auf der Bierkästenburg
Thüringische Landeszeitung, 29.11.2011
Sie stehen an der Rampe und schauen sehnsüchtig den vorbeidonnernden Zügen nach. Kein ICE hält mehr in Güllen, schon seit Jahren nicht. Nur der Bummelzug aus Kalberstadt, dem der Pfändungsbeamte entsteigt. Der hat kein leichtes Spiel, denn in der verschuldeten Kleinstadt gibts nichts mehr zu holen. Von Frank Quilitzsch
Rudolstadt. Güllen, das ist eine holzgetäfelte Wand mit abgeschabten Tapeten, hinter der sich ein Getränkegroßlager ausbreitet (Ausstattung: Fred Pommerehn). Davor hat sich der Trupp von acht Schauspielern postiert, aus denen Grazyna Kania sämtliche Figuren, die Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" bevölkern, hervorgehen lässt: abgestumpfte, ausgebrannte, von der Stütze, der Suppenküche, auf Pump oder in bloßem Gottvertrauen lebende Typen. Doch als eine Milliardärin im Güllener Bahnhof die Notbremse zieht, ändert sich schlagartig alles.
Die Parabel vom Geld, das den Wohlstand hebt, indem es die Bürgermoral auffrisst, hier wird sie zum künstlerischen Ereignis. Nicht in Weimar, wo die Regisseurin Furore machte und ihre Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" schon in der sechsten Spielzeit läuft, auch nicht in Warschau, wo sie regelmäßig gefeiert wird, sondern in Rudolstadt. Die noch immer junge Dame mit dem klangvollen polnischen Namen in die Provinz gelockt zu haben, wo der Klassiker des Schweizer Dramatikers ja auch spielt, was für ein Glücksfall für das kleine Theater!
Denn Kania bringt frische Ideen mit und schafft lustvoll Spielräume für die Schauspieler. Die wechseln nur ihre Rollen, nie ihre Kostüme, und wachsen bei dem einen oder anderen grotesken Auftritt über sich hinaus. Zwar strapaziert eingangs das Warten auf Claire Zachanassian, geborene Wäscher, die nach langer Abwesenheit als superreiche Dame in ihr Heimatstädtchen zurückkehrt, die Geduld des Zuschauers, doch dann nimmt die Inszenierung Fahrt auf, versprüht Witz und Ironie. Zum Empfang schmettern die Güllener ein freudiges "Hello again!", was aus dem Mund von Claires Jugendfreund Alfred Ill etwas gequält kommt, denn der hat sie dereinst samt Kind schmählich verraten und zur Hure gemacht. Aber die Sache scheint verjährt, und so wird Ill zum Hoffnungsträger der Bürger, die einen Geldsegen erwarten. Tatsächlich verspricht Claire den Güllenern eine Milliarde Euro, will aber dafür - Ills Kopf.
In der Meute fallen die Masken
Grazyna Kania hat diesen Kleinkrämer, der vom Täter zum Opfer wird und sich am Ende seine Schuld eingesteht, mit Matthias Winde besetzt, der bis zur Abwicklung des Erfurter Schauspiels im Ensemble der Landeshauptstadt agierte. Winde brauchte zur Premiere eine Weile, um mit seiner Rolle warm zu werden, und steigerte sich dann von Szene zu Szene zu einer tollen Charakterstudie. Was aber tun, wenn man über keine herausragende Darstellerin verfügt, die die Dominanz der zwischen Hochmut und Verbitterung changierenden, rachsüchtigen und noch immer ihrer Liebe nachtrauernden alten Dame verkörpern kann? Die Regisseurin findet einen Trick, um die Bühnenpräsenz der als Claire agierenden Verena Blankenburg zu steigern: Sie drückt ihr ein Mikrofon in die Hand. Blankenburg, die mondän mit feuerroter Perücke, Stöckelschuhen und schwarzem Pelzmantel auftritt, moderiert so von Anfang an ihre Rolle mit leiser, süffisanter Stimme und schlägt sich bravourös.
Vorzeigbar ist auch das Rudolstädter Sparprogramm: Selten wurde hier dermaßen mit Requisiten gegeizt. Keine Möbel, keine Koffer, keine Gewehre ... Nur zwei Flaschen Pils, die Markus Seidensticker und Joachim Brunner als Polizisten genüsslich leeren. Und eine Hotelburg aus Getränkekästen, gesponsert von Brauereien der Region, in der sich die versnobte Dame verschanzt. Wer freilich den Güllener Volkschor so virtuos choreografiert, kann sich auf die Fantasie der Zuschauer verlassen. Ills Bedrohung - er steht dem Wohlstand seiner Mitbürger plötzlich im Wege - liegt förmlich in der Luft.
Famos das Simultanspiel vor und hinter der geöffneten Tapetenwand. Claire beobachtet von ihrem Bierkastenbalkon aus, wie sich die Güllener ihrer Anständigkeit versichern, nach und nach aber doch Kredit aufnehmen und schließlich in der meuchelnden Meute ihre Masken fallen lassen: Hans Burkia als hemdsärmeliger Bürgermeister, Charlotte Ronas als hyperkorrekte Lehrerin, Benjamin Griebel als himmlisch heuchelnder Pfarrer, Ute Schmidt und Laura Göttner in den Rollen unbescholtener Bürger. Dürrenmatts 1955 in einer finanziellen Zwangslage verfasste Parabel auf die Verführbarkeit des in Not geratenen Kleinbürgertums gilt - siehe Weltfinanzkrise - heute wie damals.
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Ostthüringer Zeitung, 28.11.2011
Grazyna Kania inszeniert am Theater Rudolstadt "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt. Von Angelika Bohn
Der Widerspruch könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die Güllenern, eine abgerissene Bande, schäbig und geschmacklos angehost, sich in obszönen Gesten gefallend. Auf der anderen Seite sie. Die Milliardärin. Elegant. Beherrscht. Faltenlos. Die dem Alter geschuldeten Defizite (Bein- und Handprothese) nicht zu sehen.
Die junge Regisseurin Grazyna Kania bürstet in Rudolstadt den "Besuch der alten Dame" gegen allfällig gewohnte Sichtweisen. Claire Zachanassian, die Frau mit dem ekligen Angebot, ist diesmal keine giftige Greisin im Rollstuhl. Verena Blankenburg spielt eine mondäne, nach wie vor verführerische Frau in den besten Jahren. Geld macht sexy.
Und auch der Rudolstädter Alfred Ill ist nicht der in die Jahre gekommene, selbstsüchtige Womanizer, als der er in Dürrenmatts Tragikomödie meist gesehen wird. Wie Matthias Winde ihn spielt, glauben ihm höchstens die Güllener den infamen Auftritt vor Gericht. Und die ja auch nur, weil unendlich viel Geld diesen Glauben belohnen wird, und weil die Älteren unter ihnen schon damals wussten, dass Claire mit keinem anderen als Alfred in der Scheune war und nur Alfred der Vater ihres Kindes sein konnte.
Nun ist Claire wieder da und will Rache. Nur wenn die Bürger von Güllen Alfred Ill töten, wird sich die Stadt wirtschaftlich erholen. Claire hat alles aufgekauft, was prosperierte, und stillgelegt. Sie hat alles platt gemacht, was kleinen Wohlstand versprach. Dass Claire ihr Elend absichtlich herbeigeführt hat, erfahren die Güllener zwar erst im Laufe des Stücks, dass Abgehängte wie sie schäbig und verwahrlost sind, behauptet die Inszenierung aber von Beginn an. Das sieht sich schön rotzig und trotzig an und hat anfangs auch ein flottes Tempo. Der Zuschauer muss ja im Alltag oft nicht weit gehen, um Gestalten zu sehen, die ihm nun als Güllener Bürger auf der Bühne begegnen. Güllen ist überall. Doch die Figuren so weit zu prekarisieren bedeutet, sie haben keine Fallhöhe. Claires Angebot kann sie nicht demontieren. Dass sie es vorerst ablehnen, wirkt so wahrscheinlich, als würde der Kandidat in "Wer wird Millionär?" bei der Millionenfrage wissen, a ist richtig, Günter Jauch aber zwingen, b zu nehmen.
Zwar ist auch bei Dürrenmatt klar, Alfred wird sterben, interessant im Stück sind die Verrenkungen, unter denen sich die guten Bürger ihren Mordshunger aufs große Geld schön lügen. Da diese Demaskierung nicht mehr stattfinden kann, wird Alfred immer mehr zum tragischen Helden, der sich für den Wohlstand seiner Mitbürger zu opfern bereit ist. Ein sympathischer ehrlicher Kerl, der seinen miesen Liebesverrat bereut. Eng umschlungen entschwinden Claire und Alfred am Ende in ein anderes Leben Wo in der Theaterkantine dieses klasse Ensemble hoffentlich kräftig gefeiert hat.
Hello Again!
nachtkritik.de, 27.11.2011
Der Besuch der alten Dame – In Rudolstadt inszeniert von Grazyna Kania Von Christian Baron
Rudolstadt, 26. November 2011. Dass wir alle der Funktionsweise des kapitalistischen Systems bei Strafe des eigenen Untergangs gnadenlos ausgeliefert sind, ist keine neue Erkenntnis. Dass es in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" genau darum, also ums große Ganze und nicht nur um die eiskalte Rache einer verbitterten alten Frau geht, hat Grazyna Kania in ihrer Inszenierung am Landestheater Rudolstadt durchaus erkannt.
Dieses Bemühen um eine klare Haltung ist für sich genommen schon lobenswert. Sie wird jedoch leider inkonsequent ausgeführt. Kanias "Besuch der alten Dame" ist über weite Strecken eine Ansammlung des Klischees vom bösen Menschen, der viel zu schlecht ist für eine andere Lebensform als den Kapitalismus. Das Volk der heruntergekommenen Stadt Güllen wird derart stereotyp dargestellt, dass einen das Gefühl beschleicht, man sähe eine RTL-Dokusoap. Da trägt die verklemmt gekleidete Schulrektorin (Charlotte Ronas) einen strengen Haarknoten, dem Bürgermeister (Hans Burka) dürfen Bart und Hosenträger nicht fehlen, der Teenager (Laura Göttner) muss im billigen Disko-Outfit daherkommen – und natürlich ist da noch die vom Volk als finanzielle Retterin ersehnte Claire Zachanassian (Verena Blankenburg), die nach ihrer Ankunft am Bahnhof mit teufelsrotem Schopf und sündhaft teuren Pelzmantel auftritt.
Luxuriöser Grabschmuck
Die Seniorin erklärt sich bereit, ihrer alten Heimat mit einer Milliarde aus der Patsche zu helfen, stellt jedoch die Bedingung, dass einer Alfred Ill (Matthias Winde) töten muss, der sie einst schwängerte und verließ. Empört lehnt das Volk das unmoralische Angebot ab, beginnt jedoch, fortan in Saus und Braus zu leben und so Ill "das Grab zu schmücken" – ganz in der Erwartung, der Stadt stünde in aller Bälde ein schöner Geldsegen ins Haus.
Wirklich stark ist Grazyna Kanias Inszenierung da, wo es um reine Unterhaltung geht. Berechtigten Szenenapplaus ernten etwa musikalische Zwischeneinlagen wie die, als die Güllener ihre Retterin mit dem herzhaft vorgetragenen "Hello Again" von Howard Carpendale begrüßen oder auch jene Sequenz, in der ein aufgedrehter Bürger (famos in dieser Rolle: Benjamin Griebel) Turnübungen nach Befehl der Zachanassian vorführen muss. Positiv auch, dass die Rollen- und Szenenwechsel dank chorischer und atmosphärischer Unterstützung des Ensembles ohne große Veränderung in Kostümen oder Bühnenbild auskommen. Überhaupt ist letzteres spartanisch gehalten, im Mittelpunkt steht das Spiel.
Sparsame Bösewicht-Mimik
Die aus der Grundstory resultierende tragische Groteske wird denn auch von allen Beteiligten kurzweilig, von Matthias Winde herausragend heruntergespielt, ohne dass aber die wichtigste Frage auch nur ansatzweise kreativ beantwortet würde: Warum handeln die Güllener so? Das Geschehen auf der Bühne legt nahe, sie täten es, weil sie als ungebildeter Pöbel nur den Instinkten des blinden Konsumrausches folgen. Ganz im Sinne des Bildes vom gierig-bösen Einzeltäter, der ohne Rücksicht auf Verluste für seine Befriedigung über Leichen geht und obendrein zu feige ist, die Drecksarbeit selbst zu erledigen. Eine Perspektive, die die wohlfeile Attitüde eines gestrigen Kulturpessimismus pflegt.
Die alte Dame, die ganz offensichtlich den komplex angelegten Spätkapitalismus symbolisieren soll, wirkt mit ihrem stets eintönig gehaltenen Sprachduktus und der sparsamen Bösewicht-Mimik ebenso steif und unterkomplex wie die meisten ihrer Mit-Figuren. Bewiesen ist also: Etikettierungen dieser Art sind hilfreich, um Klamauk zu produzieren – aber im Dürrenmattschen Sinne völlig unzureichend, wenn man nicht im Brackwasser der Beliebigkeit seine Bahnen ziehen will.