Premiere am 17. Februar 2011 | Schminkkasten
Unterhaltsamer Liederabend im Schminkkasten
Ostthüringer Zeitung, 19.02.2011
Das Entsetzen habe einen Namen, verkündet Markus Seidensticker zur Premiere seines Liederabends Protestsongs eines Fußgängers am Donnerstagabend im Rudolstädter Schminkkasten: Jena Göschwitz, Bahnsteig 2. Von Ulrike Kern
Rudolstadt. Was der sympathische Schauspieler dort macht, wird schnell klar, als er seinen Autoschlüssel auf das Piano knallt. Dort liegt er nun für die folgenden zwei Stunden und macht gegenständlich deutlich, dass der Besitzer nicht mehr zu den privilegierten Autofahrern gehört, die um Jena-Göschwitz einen Bogen fahren könnten.
Nein, Markus Seidensticker ist zumindest in diesem von ihm gemeinsam mit Thomas Voigt am Piano und Thorsten Bihegue auf die Bühne gebrachten Liederabend für die Dauer des Führerscheinentzugs ein Fußgänger oder eben Bahnfahrer. Und als solcher landet er nicht nur regelmäßig in Jena-Göschwitz, Bahnsteig 2, sondern hat dort auch Zeit und Gelegenheit, über Gott, die Welt und seine Mitmenschen zu philosophieren. Denn da man als Fußgänger nie allein ist, kann man sich auch solch erhellenden Telefongesprächen darüber, wer, wann, wo und wie rasiert ist, nicht entziehen.
Das Publikum im Rudolstädter Schminkkasten lädt Seidensticker auf seine unterhaltsame, musikalische Reise durch Zeit und Raum, oder auch In 80 Phrasen um die Welt ein. Er hat zu allem etwas zu sagen und zu jedem Thema den passenden Song im Ärmel. Mal besingt er zum Dahinschmelzen Gilbert Bécauds Nathalie, dann wieder gibt er sich mit Macht kaputt, was euch kaputt macht! von Ton, Steine, Scherben oder Nieder mit IT von Pigor & Eichhorn rebellisch und rockig.
Mit seinen Protestsongs eines Fußgängers beweist der zum Rudolstädter Schauspielensemble gehörende Markus Seidensticker einmal mehr, dass er auch ein großartiger und facettenreicher Sänger ist. Noch dazu einer, dessen Ausführungen man gern folgt, weil seine Gedanken zwar nicht neu, aber durchaus pfiffig und witzig arrangiert sind. In Jena-Göschwitz beispielsweise, so lässt er sein Publikum wissen, lässt sich sogar die Relativität der Zeit erforschen. Dort nämlich dehnen sich die Minuten, weil man auf dem Bahnsteig ja keinen Ortswechsel vollziehe. Folglich lebe man als dort Wartender sogar länger. Und ebenfalls in Jena-Göschwitz lässt sich die Skala der Gesichtsfarbe eines Berufspendlers von grün zu grau binnen 12 Stunden studieren.
Ganz offensichtlich liefert das Fußgehen, auch wenn es ein Auslaufmodell ist, zumindest genügend Stoff und Themen für ein Theaterprogramm. Das Rudolstädter Premierenpublikum bedankte sich am Donnerstag bei Markus Seidensticker und Thomas Voigt mit viel Beifall für einen amüsanten, kurzweiligen Abend.
Und fast ist man hinterher geneigt, angesichts der vielen überraschenden Erkenntnisse dem Bahnsteig 2 in Jena-Göschwitz doch einen heimlichen Besuch abzustatten.
Rotsünder und Wutbürger
Thüringer Allgemeine, 12. März 2011
Markus Seidensficker singt in Rudolstadt „Protestsongs eines Fußgängers“ Von Frauke Adrians
Das kann der besten Bischöfin passieren: bei Rot über die Ampel mit zuviel Sprit im Blut. Die Kamera schießt ein blitzhübsches Beweisfoto, der Lappen ist weg, das Auto wird zum Dauergaragenwagen, der Fahrer zum Läufer. Im Schminkkasten des Theaters Rudolstadt verarbeitet Markus Seidensticker dieses Schicksal zu einem Heimatabend für Wutbürger: "Protestsongs eines Fußgängers".
Das Entsetzen hat einen Namen: Jena-Göschwitz, Bahnsteig 2. Vierundvierzig Minuten, bis der Zug kommt, falls er kommt. Seidensticker, in Personalunion mit dem namenlosen Protagonisten seines Lied-und-Schauspiel-Programms, kennt die Leiden des gestrandeten Bahnkunden äußerst genau. Im Laufe des Abends wandelt er sich vom armen, aber selbstironischen Rotsünderlein — "ich war gar nicht blau, ich war bläulich, und die Ampel war nicht rot, die war rätlich" — zum wutschnaubenden Willkür-Opfer. Dann packt er den Musik gewordene Kampfschrei der 70er Jahre aus, "macht kaputt, was euch kaputtmacht", verflucht sein Handy und den Computer gleich mit: "Nieder mit IT!" Und wenn er richtig in Rage ist, dann kann er von Glück sagen, dass der Mann am Klavier und an den Keyboards, Thomas Voigt, ihn mit gepflegter Instrumentalbegleitung und Harmoniestimme immer wieder erdet.
Choleriker-Rollen liegen Markus Seidensticker bestens, hier ist er in seinem Element. Seine Protestsongs richten sich gegen alles und streiten für jeden, die Vielzweckhymne "Redet die Wale und stürzt das System und trennt euren Müll" von Gustav, alias Eva Jantschitsch, passt genau zu diesem Abend, der ironisch mit der allgegenwärtigen Wutbürgerei spielt. Schräger war nur die Neue Deutsche Welle, also wird auch sie reichlich zitiert. Kennt im Osten jemand "Wunderbar wunderbar schön schön" von Amo Steffen? Weiß einer im Rudolstädter Publikum, Wessis ausgenommen, dass der Song "Das ist Demokratie" von Extrabreit ist und im Original die Kleptomanie besingt? Falls nicht: macht nichts. Seidensticker, der Münsteraner, lässt seine Biografie mitspielen und die Musik seiner sehr jungen Jahre; das macht den Abend umso stärker.
Gelegentlich wünscht man sich, der furiose Bänkelsänger würde mehr bei seinem Thema bleiben. Ampeln, Blitzer, Alkohol, die Welt zu Fuß und per Rad, das wäre ein mehr als abendfüllendes Spektrum. Aber Abschweifen ist auch eine Kunst, erst recht, wenn sie zu Neil Young führt oder zu Jacques BreI. Französisch kann Markus Seidensticker nicht ganz so gut wie wüten und singen, Nasenflöte und Kazoo spielen; Gilbert Bécauds »Nathalie“ klingt bei
ihm trotzdem wunderbar.
In letzter Konsequenz erklären Seidensticker und Voigt den Schminkkasten zur autonomen Zone. Die Revolution wird allerdings ein bisschen~verschoben. Bis auf bald in diesem Theater.