Uraufführung am 29. Mai 2010, Großes Haus
50 Damen und Herren auf den Spuren von Karl Valentin, den Marx-Brothers und Federico Fellini. Eine einmalige Kooperation des Rudolstädter Schauspielensembles mit den Thüringer Symphonikern.
Orchester-Witz gegen das Elend der Welt: Rudolstädter "Schicksalssinfonie" euphorisch gefeiert
Thüringische Landeszeitung, 31.05.2010
Der Einfall ist glänzend und besticht sofort: Ein Orchester spielt ums Dasein, denn eine Kommission möchte es Sparzwängen unterwerfen, sprich liquidieren. Von Matthias Biskupek
Rudolstadt. Die "Schicksalssinfonie" soll es retten, und der Dirigent thront probend vor seinen Mannen (und Weibchen) und quält sie mit achtel Noten und verschärften Tempi. Das halbe Hundert Menschen sitzt, wie es sich für eine Orchesterprobe gehört, in privaten Sachen, aber streng geordnet auf ansteigender Bühne, rechts hinten der Gewerkschafts-Hornist, ganz hinten die Aushilfen und vorn links der Konzertmeister. Der Orchesterwart wuselt herum, und der Bass verkündet per Handy Mails aus der Kantine.
Der Nichtkenner dieses Orchesters wird zunächst kaum bemerken, dass Schauspieler zwischen Musikern sitzen, der wirkliche Dirigent an der zweiten Geige hantiert und die naive Harfenistin mit ihren mundartlichen Zwischenrufen die echte Harfenistin Gisela Sieber ist. Der Dirigent hingegen heißt Markus Seidensticker, ein Schauspieler, der wahrlich mit Pfunden wuchern kann, eine Dampfwalze, ein Sänger mit Strahlkraft, ein Clown und Bösling, ein urplötzlich beweglicher Mensch, der in einem großen Monolog das Elend von Welt und Bühne, von Leitern und Geleiteten ins Publikum brüllt. Neben dem Grundeinfall die zweite Säule dieser buchenswerten Uraufführung.
Theater-Farce von Mensching & Kliefert
Steffen Mensching und Michael Kliefert haben das "Theaterstück mit Orchester" ihrem Ensemble im Wortsinn auf den Leib geschrieben. Das erinnert an Shakespeare, mit Verlaub. Die Schauspielerin Kies mit Flöten-Kenntnis hat die Flötistin Sand zu mimen, und zum Gaudi und zwecks innerer Einfühlung dürfen alle mal die Schicksalssinfonie singen. Das erinnert an Karl Valentin. Bei dessen "Orchesterprobe" ging zwar mehr zu Bruch, aber es gab auch nicht mehr an Kalauern und Musikerwitzen, die so hornalt sind, dass sie schon wieder charmant daherkommen.
Mensching und die mentale Ausstattung der Klezmer-Musiker-Aushilfen von "Schnaftl Ufftschik" kommen von "Karls Enkel" aus tiefer DDR; gewiss doch, Karl Valentin war gemeint im Lande von Karl Marx. Von so weit her kommen diese Kraft, dieser Witz, diese hinterfotzige Blödheit und diese Anarchie, die jetzt in einem Theaterchen am Thüringer Waldesrand zur materiellen Gewalt wurde.
Von Bizet bis Wagner, vom Mozart bis Karel Gott, vom Militärmarsch bis Hanns Eisler wird Welt-Musik bemüht. Wir sind in der Stadt des musikalischen Crossover, dem Folk- und Tanzfest. Mal wird exzellent zelebriert, mal verjazzt und ins Akkordeon verpackt. Wohl einem Orchester samt seinem (wirklichen) Dirigenten Oliver Weder, das so viel Selbstironie aufbringt, sich auf die Schippe zu nehmen, wodurch es - vielleicht - dem Umstrukturierungswesen von der Schippe springt.
Die Stückeschreiber und ihre ausführenden Spiel-Organe sind politisch hellwach. So werden nebenbei Revolutionsgeschichte und Gewerkschafts-Nahkampf durchgespielt, absurde Demokratie-Rituale vorgeführt und die Kleinlichkeit und der gelegentliche Mut von Menschen in Klappsätzen annotiert. Dass der gefesselte Dirigent dann etwas lähmt und lahmt, die Inthronisation des zweiten Geigers zum neuen Dirigenten etwas schnell und witzlos daherkommt, spielt sich, wie es in Theaterkreisen heißt, weg. Für Komödianten gibts nichts Wichtigeres als Theater. Dennoch sei vermerkt, dass dieser Abend erst mit zwanzigminütigem Trampeln und Klatschen, mit Zugaben und stehenden Ovationen zu Ende ging.
Mit Witz und Zorn
Ostthüringer Zeitung, 31.05.2010
Stehender Applaus für „Die Schicksalssinfonie“ in Rudolstadt Von Angelika Bohn
Stehender Applaus, ein jubelndes Publikum, Zugabe, noch mehr Beifall, gewissermaßen um Entlassung für diesen Abend „flehende“ Künstler - das Theater Rudolstadt wird eine Weile in den Akten suchen müssen, wann zuletzt eine Uraufführung so einhellig, so begeistert gefeiert wurde wie am Sonnabend „Die Schicksalssinfonie“.
Unter dem problemschwangeren Begriff „Schicksalssinfonie“ geht ein großer Spaß über die Bühne geht. Es gibt Kalauer ohne Ende, jede Menge Orchesterwitze, prägnante Wahrheiten über eine Gesellschaft, die sich rechnen soll, koste es was es wolle.
Bei dieser Schicksalssinfonie wird viel und laut gelacht. Und doch wird man das Gefühl nicht los, Zeuge einer Henkersmahlzeit zu sein. Und der Delinquent, da er Künstler ist, macht der Welt mit einem Scherz auf den Lippen vor, egal was kommt, Hauptsache jetzt schmeckt es.
„Die Schicksalssinfonie“ haben Steffen Mensching und Michael Kliefert für das Zweispartentheater Rudolstadt maßgeschneidert. Viele Theater der Republik könnten dieses Theaterstück mit Orchester spielen. Ob sie es so gut, so homogen, mit soviel Witz und Vestand, Engagement und Herzblut könnten, wie die Rudolstädter, ist die Frage. Denn, was mancher sich in den zwei Stunden vielleicht fragt, wohin führt der ganze Spaß, wo bitte, ist hier die erbauliche Botschaft - er hat sie ja die ganze Zeit bereits vor der Nase. Da sitzt ein Orchester, das sich ein Herz gefasst hat. Das mit Galgenhumor und Selbstironie seinen Berufstand und seine prekäre Situation durchleuchtet. Dabei sind die Unterschiede zu anderen Festangestellten ja nur marginal. Und was die Chefs betrifft, Männer mit Persönlichkeitsstörungen drängt es gewiss nicht nur ans Orchesterpult. Als Dirigent der „Schicksalssinfonie“ und „I will survive“-Interpret allerdings ist der Rudolstädter Schauspieler Markus Seidensticker ein Hauptgewinn. Während Oliver Weder, der eigentliche Chef der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt, im Team solange die Violine spielt, bis beim Crossover am Ende ein Dirigent unbedingt gebraucht wird, leitet Seidensticker den Abend.
Das Orchester auf der Bühne besteht aus den Thüringen Symphonikern und den Männern der großartigen, klezmerakustischen Dance-Brass-Band Schnaftl Ufftschik, unter die sich sechs Schauspieler gemischt haben: Verena Blankenburg mit Bratsche und Sorge, wie sie ihr Haus abzahlen soll. Hans Burkia mit Geige in der verantwortungsvollen Position des Orchestervorstandes. Anna Kies mit Flöte als idealistisch-jüngstes, von allen Seiten angebaggertes Ensemblemitglied. Marcus Osterberg mit Kontrabass (Seit dem gleichnamigen Stück weiß jeder, wie die ticken.) und dem heißen Handydraht zur Kantine und Horst Damm als Orchesterwart.
Gewiss tragen die Schauspieler das Gros vom Text weg und sind für die Action-Szenen zuständig, die Symphoniker spielen (und pfeifen) ja auch noch Beethoven, Mozart, Rossini, Hoch Heidecksburg usw. Aber, jedes Orchestermitglied hat auch eine Stimme, bringt seinen thüringischen, bayerischen, rumänischen, russischen Akzent ein.
Von Regisseur Mensching fein ziseliert nimmt der große Chor im Laufe des Abends Fahrt auf und bringt die Pointen an den Mann, als mugge man einmal in der Woche auf dem Kabarettbrettl. Diese „Schicksalssinfonie“ hat das Zeug zum Kultstück.
Jubel für Rudolstädter Orchester: Bis zur letzten Note
Thüringer Allgemeine Zeitung, 01.06.2010
Selten reagiert ein Theaterpublikum so einmütig: Jubel, stehende Ovationen, auch als die Akteure den Saal längst verlassen haben. So lange, bis das Orchester mit allem schweren Streichgerät noch einmal auftritt. Von Frauke Adrians
Rudolstadt. Die Rückkehr auf die verwaiste Bühne ist nicht geplant, hat aber Symbolkraft. Denn in der "Schicksalssinfonie" am Theater Rudolstadt spielen die vom Aus bedrohten Symphoniker ein vom Aus bedrohtes Orchester.
Eine Kampfansage in eigener Sache nennt Intendant Steffen Mensching die Produktion, und das könnte sie nicht sein, wenn sie nicht zugleich ein zündendes, geistreiches Stück Theater wäre. Das Erstaunlichste an diesem musikalischen Drama von Steffen Mensching und Chefdramaturg Michael Kliefert: Ein Stück, das sich mit dem drohenden Ende der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt auseinandersetzt, macht nicht nur beklommen. Es macht auch Spaß.
Denn obwohl - oder gerade weil - es ums nackte Überleben geht, blühen bei der gespielten Generalprobe die Unarten eines Klangkörpers und seiner Mitglieder erst richtig auf. Die Holzbläser halten sich für was Besseres, die Harfenistin will gehen, weil sie eh nicht gebraucht wird, und alle zusammen hadern mit dem Dirigenten. Ähnlichkeiten mit den echten Symphonikern können nicht zufällig sein. Das Orchester wäre nicht normal, wenn Verstimmungen zwischen Stimmgruppen, stolzen Landsmannschaften - rumänisch, bulgarisch, bayrisch - und eigensinnigen Individuen nicht auch im wahren Leben vorkämen. Schon deshalb verlangt so ein Orchesterseelen-Striptease viel Mut, er könnte peinlich, gequält, vor allem unlustig wirken. Aber Menschings und Klieferts klischee- und zitatgespickte Dialoge sind so virtuos, und die Symphoniker nehmen sich mit solcher Leichtigkeit auf die Schippe, dass das Ergebnis schier begeistert.
An der Schippe ganz vorn: Schauspieler, die Musiker spielen. Sie tragen, gemeinsam mit den fünf Herren der bewährten Berliner Jazz-Klez-Formation Schnaftl-Ufftschik, die Hauptmasse der Dialoge und verkörpern wahre Orchester-Typen: Verena Blankenburg als Streberbratsche, Marcus Ostberg als altkluger Kontrabass mit SMS-Standleitung in die Kantine, Hans Burkia als abgeklärte Seniorgeige. Benjamin Griebel spielt im Klassenkämpfer-Karohemd zwar nicht Horn, aber den penetranten Prinzipienreiter von der Musikergewerkschaft. Horst Damm kommt als Orchesterwart kaum mit dem Austeilen der Partituren hinterher, denn an einem Patzer der idealistischen Jungflöte (Anne Kies) entzündet sich das Drama der Orchesterdämmerung: Was spielen in einem Konzert, das das letzte sein könnte? Womit die Kommission des Ministeriums überzeugen, die am Abend über Leben oder Tod des Klangkörpers entscheidet? Ist Beethovens Fünfte die richtige Wahl? Wäre Mozarts Vierzigste nicht gefälliger? Das Orchester testet, verwirft, legt sich mit Streitereien lahm, entmachtet den Dirigenten, den Markus Seidensticker großartig spielt, ein einsamer Mann im weiten Feld zwischen Despotie und Depression. Bizets Carmen-Suite dirigiert er wie ein Kampfstier, zornig, fulminant.
Der Stabwechsel vom angelernten zum wahren Chef der Symphoniker- Oliver Weder saß während des Stückes als zweiter 2. Geiger im Orchester - kommt etwas unvermittelt, aber das macht nichts. In dieser Phase befindet sich "Die Schicksalssinfonie" ohnehin in kalkulierter Auflösung, wechselt ins Hier und Jetzt, wird zum Appell ans Publikum und an die eigene Courage: Gebt nicht auf, gebt das Orchester nicht auf. Markus Seidensticker singt Gloria Gaynors große Ermutigung "I will survive", Oliver Weder dirigiert einen bravourösen Walküren- und Husarenritt durch Zeiten und Stile, von der Fünften zur Neunten, von Klezmer bis Bigband, und wen das kalt lässt, der hat keine Ohren und muss vier Jahre Thüringer Kulturpolitik verschlafen haben.
Wer will, kann hier ein Gleichnis sehen, das Orchester als Spiegel der Gesellschaft und so weiter. Aber das Stück ist so gut, wie es konkret ist. Es geht um die Symphoniker, andere Thüringer Orchester mag man gleich mitdenken. "Die Schicksalssinfonie" als Pflichttermin für das Kultusministerium: Das wäre das Mindeste. Damit sie wissen, was hier auf dem Spiel steht.
Orchesteralltag, nur in Rudolstadt?
Das Orchester, September 2010
Die Uraufführung der „Schicksalssinfonie", einem Schauspiel mit Orchester von Steffen Mensching und Michael Kliefert, wurde am Thüringer Landestheater frenetisch gefeiert. Von Hans Lehmann
Spannung war angesagt, denn was verbirgt sich hinter einem „Theaterstück mit Orchester“ mit dem Titel „Die Schicksalssinfonie“? Intendant Steffen Mensching und sein Dramaturg Michael Kliefert lieferten ein Textbuch bzw. Libretto, das über Rudolstadt hinaus auch andernorts im wahrsten Sinn des Wortes fröhliche Urstände feiern könnte. Dabei hat das Ganze einen ernsten Hintergrund, denn eine Regierungskommission hat sich angesagt. Es geht um Qualität und das Placet zur weiteren Existenz.
Die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt sitzen in bunter Alltagskleidung auf der Bühne, unter ihnen auch Schauspieler: Benjamin Griebel (er spielt den ersten Hornist und Betriebsrat) ,Verena Blankenburg (ratenzahlende Häuslebauerin, Bratsche), Hans Burkia (altersweiser Orchestersprecher, Violine), Anne Kies (junge Soloflötistin, noch nicht vertraut mit den Sitten) , Marcus Ostberg (Kontrabassist mit Hang zu Pausen und Kantine), Horst Damm (Orchesterwart, mehr als nur Kalfaktor) und Markus Seidensticker als Dirigent. Der eigentliche Dirigent Oliver Weder sitzt „dienstleistend“ in den zweiten Geigen. Dazu hinten bei Blech und Schlagwerk als „Aushilfe“ die bekannte Berliner Gruppe Schnaftl-Ufftschik.
Die Probe beginnt mit dem ersten Satz der 5. Symphonie Beethovens, wobei der Dirigent abbrechen muss, denn die Flötist in spielt im Takt 74 ein „b“ statt „h“. Mit diesem Abbruch beginnt das eigentliche Theater und schaukelt sich zur Gaudi des Publikums immer mehr auf: Gewerkschaft gegen Dirigent, die Instrumentengruppen untereinander im Streit. Wäre ein anderes Stück als eines von Beethoven nicht besser zur Präsentation geeignet? Ausgerechnet ein Blechbläser schlägt das 3. Brandenburgische Konzert von Bach vor – wer dabei an dienstfrei denkt, der ist ein Schelm. So geht es fort und fort, Orchesteralltag pur. Anekdotisches kommt in den Sinn, Loriot, Valentin oder Hoffnung hätten ihre Freude daran. Im weiteren Verlauf des Disputs erklingen Werke von Bizet, Wagner, Rossini, Tschaikowsky sowie das an diesem Ort unvermeidliche „Hoch Heidecksburg“.
Aber es geht um viel mehr, es geht um die Existenz des Orchesters fortan. Gegenwärtige Praktiken im demokratischen Umfeld unserer Gesellschaft gewinnen an Raum, der Dirigent wird vom Orchester abgesetzt, seiner Freiheit beraubt ans Dirigentenpult gefesselt sowie mit Ohrstöpsel versehen, damit er von den Diskussionen nichts mitbekommt. Um juristische Folgen wegen Freiheitsberaubung zu vermeiden, bind et ihn der Orchesterwart los. Die „Schicksalsmelodie“ von Francis Lai aus dem Film „Love Story“ singend wird er hinaus gebracht.
Nach weiterem Diskurs bittet man den bereits erwähnten zweiten Geiger Oliver Weder ans Pult zur Wiederaufnahme von Beethovens Fünfter, nun jazzig verfremdet. Bei allem Spaß auf offener Szene ist der Hintergrund stets präsent, illustriert nicht zuletzt durch die internationalen Sprachakzente der Musiker (Rumänisch, Bulgarisch, Thüringisch, Fränkisch). Am Ende schreitet der Dirigent im Frack von hinten auf die Bühne durch das Orchester nach vorne und singt zur Melodie von „I will survive“ optimistische Strophen mit dem Refrain „Ich bin dabei, ich überleb … Fass dir ein Herz, den Rest Verstand!“ Da gibt es kein Halten mehr, das Publikum springt auf, 20-minütige Ovationen und Zugabe.
So etwas hat es in Rudolstadt nach einer Premiere kaum jemals gegeben. Alle wurden gefeiert, vor allem auch Autor und Intendant Mensching, der Regie führte. Die „Schicksalssinfonie“ hat das Zeug zum Kultstück, schrieb die Rezensentin in der „Ostthüringer Zeitung“: gegenwärtige politische Realitäten im Spiegel des Orchesteralltags sowie des Musikerlebens in all seinen instrumentaltypischen Facetten. Den dirigierenden Schauspieler Markus Seidensticker muss man im Kreis seiner Kollegen ob seiner Leistung nicht nur spielerisch, sondern auch musikalisch am Ende einer Saison besonders hervorheben. (…)
Nur nicht aufgeben! (Ausschnitt aus einem Report)
Theater heute, November 2010
Von Bernd Noack
(...) »Die Schicksalssinfonie« heißt ganz bewusst eindeutig ein Stück »mit Orchester«, das er zusammen mit seinem Chefdramaturgen Michael Kliefert geschrieben hat und bei dem es mit komischbösen Seitenhieben um die aktuelle Rudolstädter Situation, um die Eitelkeit der Künstler und die Ignoranz der Kürzungs-Kommissionen geht, die landauf landab nach Einsparungsmöglichkeiten schnüffeln.
Es ist ein sehr realistisches Satire-Stück aus dem gar nicht heiteren, harten Kultur-Alltag, bei dem die Symphoniker sich selbst und ihre Ängste spielen, zwischen Repertoire-Werken das traurige Lied der Perspektivlosigkeit anstimmen und schließlich doch zu der Erkenntnis gelangen, dass nur die Solidarität gegen Politik und Verwaltung hilft. Und es ist vor allem ein Stück, das das Publikum bei allem Vergnügen mit in die Verantwortung nimmt und zur Parteinahme zwingt: Der stürmische Applaus nach den stets ausverkauften Vorstellungen ist denn auch in erster Linie als lautstarke Forderung zu verstehen, dieses Orchester, das ganz nebenbei auch noch den Fortbestand der örtlichen Musikschulen sichert, nicht untergehen zu lassen. (...)
Orchester-Evaluierung
Deutsche Bühne, Juli 2010
Steffen Menschings „Die Schicksalssinfonie“ in Rudolstadt. Von Ute Grundmann
Das Horn macht den Betriebsrat. Die Querflöte ist (noch) voller Enthusiasmus. Der Kontrabass wird von der Kantine angesimst, dass bald Feierabend ist, und die Posaune kommt zu spät, weil sie noch auf einer Beerdigung gespielt hat. Der ganz normale Wahnsinn einer Orchesterprobe, bei der „Die Schicksalssinfonie" auf dem Programm steht - und damit ist nicht nur Beethovens 5.gemeint. Das heitere Treiben im Thüringer Landestheater in Rudolstadt hat einen ernsten Hintergrund: Die Finanzierung der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt ist ab 2012 (noch) nicht gesichert. Das hat Intendant, Autor und Regisseur Steffen Mensching zum Anlass genommen, gemeinsam mit Michael Kliefert ein „Theaterstück mit Orchester“ zu kreieren. Ein tiefer Blick in den Orchestergraben sozusagen.
Dafür ist auf der Bühne (Ausstattung: Wilfried Buchholz) alles für die Musiker aufgebaut: Pulte, Noten, nach und nach trudeln die Musiker, Dirigent und Orchesterwart ein. Man beginnt, Beethovens 5. Sinfonie zu spielen – bis der Dirigent erklärt, dass dies ein besonderes Konzertwerden wird. Denn eine Evaluierungs-, auch mal Exekutionskommission genannt, werde zuhören und über das Schicksal des Orchesters entscheiden. „Wir arbeiten seit Jahren unter Tarif, das ist ein wunderbares Motiv“ ist einer der Reime, die Mensching und Kliefert dazu geschmiedet haben. Und dann wird diskutiert (und natürlich immer angespielt), was man der gefürchteten Kommission denn bieten will: den „schweren“ Beethoven oder lieber einen „leichten“ Mozart; mit „Carmen“ schreitet man in den Kampf nicht gegen die Schwiegermutter, sondern die Prüfer. Das alles ist redlich, gut gemeint, mal freiwillig und mal unfreiwillig komisch. Ganz nebenbei können die Symphoniker zeigen, was sie von Klassik bis Swing alles draufhaben. Und natürlich gibt es hier ein Happy End: Beim Überlebenssong, vom Dirigenten geschmettert, regnet das fehlende Geld aus dem Bühnenhimmel. Wenn's doch nur so einfach wäre.
Ein Käfig voller Musiker
Freies Wort, 31.05.2010
"Die Schicksalssinfonie" spielt mit den Macken des Kulturbetriebs. Von Frank Hommel
Rudolstadt - Es scheint in der Tat schlecht bestellt ums Theater, wenn es sich selbst zum Thema von Rang erhebt. Hat die Welt sonst keine Probleme, dass die eigenen Zukunftsängste auf der Bühne ausgelebt werden? Solche Gedanken liegen nahe, liest man das Sujet der Rudolstädter "Schicksalssinfonie". Intendant Steffen Mensching und Dramaturg Michael Kliefert haben ein Stück um ein von der Abwicklung bedrohtes Orchester erdacht.
Wer aber Anklagen in eigener Sache befürchtet, liegt glücklicherweise falsch. Statt sich in Selbstmitleid zu üben, nehmen die Autoren mit bemerkenswerter Ironie die Selbstverständlichkeiten eines staatlich finanzierten und staatstragenden Kulturbetriebs aufs Korn. Auch der ist eingezwängt in ein Korsett aus Tarifverträgen, Dienstvorschriften, Betriebsräten. Auch Kulturschaffenden sind Hinterfotzigkeit, Egoismus, Selbstgerechtigkeit, Blasiertheit und Eitelkeit wenig fremd. Und so ist es kein Wunder, dass die Orchesterprobe aus den Fugen gerät, als der Dirigent (Markus Seidensticker) Gerüchte über eine Kommission streut, die das Orchester beim nächsten Konzert begutachten soll.
Mensching, der die "Schicksalssinfonie" gleich selbst inszeniert hat, stattet die Schauspieler mit Taktstock beziehungsweise Instrumenten aus, platziert sie im mit der Band Schnaftl Ufftschik ergänzten Orchester und lässt auch die Musiker zu Wort kommen. Ist Beethovens Fünfte für ein derartiges Casting besser geeignet als Mozarts Vierzigste? Warum probt man überhaupt, wo doch gleich die Kantine schließt? Hat der Dirigent die Flötistin beleidigt und ist er nicht sowieso an allem Unheil Schuld?
Die flotten Wortwechsel sorgen für Heiterkeit, die musikalischen Gassenhauer bis hin zu "Hoch Heidecksburg" für Bierzeltstimmung mit ohrenbetäubendem Jubel. Trotzdem hätte etwas mehr Schauspieler-Führung dem körperlich präsenten, aber im Gestus etwas wenig differenzierten "Dirigenten" Seidensticker ebenso geholfen wie der im Vergleich zu den Orchestermusikern geradezu meta-emphatisch auftrumpfenden "Flötistin" Anne Kies.